„Durchgeknallter“ Dr. House sorgt für Dramatik in Marburger Medizinseminar
11.03.2010 - MARBURG
(gec). Die Warnung schickt der Marburger Medizinprofessor Jürgen Schäfer jedem Seminar voraus: „Die durchgeknallte Persönlichkeit von Dr. House entspricht in keinster Weise dem Arztbild der Philipps-Universität.“ Jeden Dienstag nimmt Schäfer die beliebte Fernsehserie mit Hugh Laurie zum Anlass, um seltene Erkrankungen zu besprechen. „Dr. House revisited“ oder „Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“, heißt der Titel des Seminars, mit dem der Kardiologe bundesweit Neuland betritt. Das Konzept hat er sogar beim Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin in Berlin vorgestellt.
Wie er auf die Idee gekommen ist? „Jeden Mittwoch nach der Sendung haben die Studenten in der Mensa über die Fälle von Dr. House diskutiert“, erzählt der Medizinprofessor. Zugleich wurde intensiv über neue Konzepte für die Lehre beraten. Die Professoren haben nämlich immer mehr Mühe, ihre Studierenden in die Hörsäle zu locken. Deshalb startete Schäfer das Experiment mit Dr. House, das seitdem in jedem Semester auf dem Lehrplan steht.
Verzwickte Krankheiten werden mitt Hilfe der Serie besprochen
Einen Schein erhalten die Studierenden nicht. Trotzdem kommen jedes Mal etwa 30 angehende Mediziner, wenn verzwickte medizinische Krankheiten anhand von Schlüsselszenen aus der Serie vorgestellt werden. Wird der Patient ohnmächtig oder spuckt Blut, drückt Schäfer auf die Stopp-Taste. Dann überlegt er gemeinsam mit den Studierenden, was der Kranke haben könnte. Dabei lernen sie auch, ihre Diagnose immer wieder zu hinterfragen und neue Befunde zusammenzupuzzeln.
Der unterhaltsame Unterricht kommt an. „Ich habe mich immer gefragt, ob die Fälle realistisch sind“, erklärt Medizinstudentin Andrea Förster die Faszination. In Marburg beteiligen sich inzwischen drei weitere Mediziner am Seminar. In Berlin, Bonn und Jena soll das Projekt nachgeahmt werden. Evaluiert wurde es durch Gießener Wissenschaftler, die zeigten, dass die Studierenden davon profitieren. Motivation, Interesse und Lernerfolg steige. Für den Unterricht ist die Serie nämlich geradezu ideal: „Die Patienten von Dr. House haben alles, was im Medizinlehrbuch steht“, weiß Schäfer. Nur, dass die dramatischen Szenen aus der TV-Klinik natürlich besser hängen bleiben als die Fußnote in der wissenschaftlichen Abhandlung. Aber auch Schäfer ist überzeugt: „Wenn man es ernsthaft betreibt, ist Medizin wie ein Krimi.“
"Medizinisch gut recherchiert"
Da ist die Kindergärtnerin, die mit einem schweren epileptischen Anfall in die Klinik von Dr. House eingeliefert wird. Das Team rätselt, was die Ursache der Krankheit sein mag: Ein Hirntumor, eine Hirnverletzung, die Wernicke-Enzephalopathie, die Creutzfeld-Jakob-Krankheit oder eine Vaskulitis? Natürlich alles falsch. Die Patientin entgeht nur knapp dem Tod, bis Dr. House schließlich die richtige Diagnose stellt: Ein Schweinebandwurm im Gehirn hat die Epilepsie ausgelöst, die nun mit einem Entwurmungsmittel behandelt werden kann.