Ausstellung "Vergessene Rekorde" erinnert an drei jüdische Spitzensportlerinnen
Albert MehlBERLIN/GIESSEN. Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin: Hochspringerin Ariane Friedrich wird kurz vor dem Beginn der WM am 15. August aus dem deutschen Aufgebot gestrichen. Ihre Leistung sei nicht ausreichend, heißt es. Die Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf ist vor wenigen Wochen wegen Repressalien in Deutschland gegen ihre Familie nach Südafrika ausgewandert. Die vormals erfolgreiche Sabine Braun darf nur noch eingeschränkt für einen kleinen Kreis von Schülerinnen Sportstunden geben. Nicht möglich? 2009 vielleicht nicht. Das Szenario mit den drei deutschen Leichtathletinnen ist komplett erfunden. 1936 bei den Olympischen Spielen in Deutschland war das Realität. Darauf weist die Ausstellung "Vergessene Rekorde" im Centrum Judaicum in Berlin hin.
Die Ausstellung im Repräsentantensaal der Neuen Synagoge in Berlin ist Teil des Kulturprogramms der Leichtathletik-WM vom 15. bis 28. August an der Spree. Und sie präsentiert am Beispiel von Gretel Bergmann, Martha Jacob und Lilly Henoch die Situation jüdischer Leichtathletinnen vor und nach 1933. Gretel Bergmann wurde - als Medaillenkandidatin im Hochsprung - kurz vor den Olympischen von den Nazis ausgebootet. Martha Jacob hielt sich nach 1933 meist im Ausland auf und war im Olympiajahr nach Südafrika ausgewandert. Lilly Henoch durfte 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nur noch an einer jüdischen Volksschule unterrichten. Und wurde 1942 mit ihrer Mutter in Riga ermordet.
Aufschwung in 20er JahrenDie Ausstellung mit 18 Tafeln und zahlreichen Vitrinen mit Sportgeräten aus dieser Zeit beschreibt aber nicht nur die Lebensläufe der drei jüdischen Sportlerinnen. Zusammen mit dem von Berno Bahro, Jutta Braun und Hans Joachim Teichler herausgegebenen Begleitbuch zeigt sie noch mehr auf. Beispielsweise, dass in der Weimarer Republik jüdische Sportler für einen Aufschwung des deutschen Sports sorgten (genauso wie es weibliche Athleten taten). "Die Mitgliedschaft eröffnete die Chance der gesellschaftlichen Integration. Als Sportler erfuhren sie die Wirksamkeit des Gleichheitsprinzips wie in keinem anderen Kulturbereich", beschreibt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, in seinem Vorwort die zahlreichen Beitritte jüdischer Mitbürger in Sportvereine.
Die Historikerin Jutta Braun zeigt auf, dass der Aufschwung der Frauen-Leichtathletik ab 1919 immens war und sich längst nicht auf die nationale Ebene beschränkte. Und so war auch das glänzende Abschneiden deutscher Sportlerinnen bei den Olympischen Spielen in Berlin mit zwei Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen längst kein Erfolg nationalsozialistischer Sportpolitik, sondern das Resultat verstärkten weiblichen Engagements im Sport vor 1933. Dafür geben Lilly Henoch, Martha Jacob und Gretel Bergmann gute Beispiele ab, mit ihnen aber auch noch viele andere jüdische Sportlerinnen.
Nur bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin war davon nicht viel zu spüren. Auf den vielfachen Protest aus dem Ausland, darunter auch in den USA, als sogar mit Boykott gedroht wurde, reagierten die Nazis taktisch. Sie nominierten (neben dem Eishockeyspieler Rudi Ball) die im Ausland lebende "Halbjüdin" Helene Mayer, Fecht-Olympiasiegerin von 1928, sowie die "Volljüdin" Bergmann, die wie erwähnt kurz vor Beginn der Spiele ausgebootet wurde. Helene Mayer startete als von der NS-Führung instrumentalisierte "Alibi-Jüdin" und erfocht eine Silbermedaille. Sie entbot bei der Siegerehrung sogar den "deutschen Gruß".