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Gießener Anzeiger

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Vogelsbergkreis  

Schätzung: 5700 funktionale Analphabeten im Vogelsberg

23.06.2010 - ALSFELD

VHS, AlBi und der Geschichts- und Museumsverein informierten im Regionalmuseum über Alphabetisierung und Grundbildung

(gsi). „Funktionaler Analphabetismus bedeutet die Unterschreitung der gesellschaftlichen Mindestanforderung an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung ist zur sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen.“ So kühl und wissenschaftlich diese Definition von Frank Drecoll klingt, so dramatisch sind die Auswirkungen von Analphabetismus für die betroffenen Menschen. Vier Millionen deutsche Erwachsene gehören laut Schätzungen des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung zu der erstaunlich großen Gruppe von Menschen, die keine Straßennamen lesen können, keine Zeitungen, keine Bücher, die sich keinen Einkaufszettel schreiben können, ohne fremde Hilfe keine Formulare ausfüllen können, die ihren Kindern keine Entschuldigungen für die Schule schreiben können.

Mit einer ganztägigen Veranstaltung im Regionalmuseum wollten die Volkshochschule des Vogelsbergkreises, das Verbundprojekt „Alphabetisierung und Bildung“ (AlBi) und der Alsfelder Geschichts- und Museumsverein auf diese Problematik aufmerksam machen. „Fast 300 000 funktionale Analphabeten gibt es in Hessen, geschätzte 5700 im Vogelsbergkreis“, so Monika Schenker, Fachbereichsleiterin für Sprachen und Kultur der VHS, mit Bezug auf die Schätzungen des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich meist eine erschreckende Dunkelziffer, denn die meisten Menschen, die nicht lesen und schreiben können, schämen sich dafür, haben Angst entdeckt zu werden und verfügen über eine Unmenge Tricks, wie sie dieses Defizit verbergen. Dramatische Situationen, wie die Angst von den eigenen Kindern entdeckt zu werden oder die Ausrede, „Brille vergessen“ oder „Hand verstaucht“, wenn es darum geht, vor Ort etwas auszufüllen, sind nur einige der täglichen Kämpfe, die funktionale Analphabeten fürchten.

Doch was macht in einem Land wie Deutschland aus einem Schüler einen erwachsenen Analphabeten? „Es ist eine Kombination vieler Faktoren“, weiß Monika Schenker. Ein nicht optimales Schulsystem, bei dem schwache Schüler schnell durch das Raster fallen, ein psychisches oder krankheitsbedingtes Problem in den ersten Schuljahren, das den Grunderwerb von Schrift in dieser prägenden Zeit verhindert, ein Elternhaus, das selbst ohne Schrift, sprich Zeitungen oder Bücher, auskommt, und in früheren Jahren auch die Annahme, dass Bildung im landwirtschaftlich geprägten Raum nicht so wichtig sei. Viel zu schnell würden Kinder, die der Schriftsprache nicht mächtig sind, zu Sonderschülern stigmatisiert, bedauert Monika Schenker, denn natürlich kann man ohne lesen und schreiben zu können auch keine guten Biologie- oder Religionsarbeiten schreiben. Mit einem guten, fast fotografischen Gedächtnis mogelt man sich später durchs Leben.

Viele Beispiele davon kennt die Expertin aus der Praxis ihrer Alphabetisierungskurse für Deutsche, die die VHS als einzige Einrichtung im Vogelsberg anbietet. Sich dort anzumelden kostet die Teilnehmer viel Überwindung: Sie müssen sich ein Problem eingestehen, für das sie sich zutiefst schämen und das von der Gesellschaft kaum anerkannt wird. Außerdem, so Monika Schenker, bedarf es eines hohen Maßes an Ausdauer und Willen, denn ein Alphabetisierungskurs geht über Jahre.

Berndt Schultz während seiner Lesung aus „Unser schönes Leben“, rechts der Gitarrist Holger Lützen. 		Foto:  gsi

Berndt Schultz während seiner Lesung aus „Unser schönes Leben“, rechts der Gitarrist Holger Lützen. Foto: gsiVergrößern

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