Mit fliegenden Gummistiefeln gegen Vorschläge der Experten
13.07.2010 - VOGELSBERGKREIS
Vogelsberger Milchbauern machen in Brüssel für ihre Interessen mobil
(vn). Die Milchbauern machen mobil: 50 Milchviehhalter aus Rhön und Vogelsberg nahmen gestern an einer Großdemonstration europäischer Landwirte in Brüssel teil. „Wir wollen bei der zukünftigen Milchpolitik mitreden“, sagt Oswald Henkel vom Bund Deutscher Milchviehhalter.
Nach den historischen Tiefstpreisen für Milch im vergangenen Jahr hat die Europäische Union eine hochkarätige Expertengruppe eingesetzt. Die Experten sollen Vorschläge entwickeln, wie die Milchwirtschaft unterstützt werden kann. Erwartet werden auch Vorschläge, ob und wie der Milchmarkt nach 2015 reguliert werden soll. Seit langem hat sich die EU-Kommission darauf festgelegt, dass die Mengenbegrenzung („Milchquote“) 2015 auslaufen soll.
„Die Vorschläge der Expertengruppe helfen nicht. Sie würden uns Milcherzeuger sogar in noch größere Bedrängnis bringen“, klagt der Vogelsberger Milchbauer Paul Jestädt. Die Experten schlügen etwa vor, dass einzelne Bauern mit Molkereien Lieferverträge aushandelten. „Dabei hätte der Bauer weniger Einfluss als heute. Er geriete womöglich in eine noch größere Abhängigkeit, weil die Molkerei als stärkerer Marktakteur ihm die Preise diktieren könnte“, warnt Jestädt.
Als Zeichen der Sorgen um ihre berufliche Zukunft warfen die Milchbauern aus Rhön und Vogelsberg und Berufskollegen aus vielen EU-Ländern gestern bei der Demonstration mit alten Gummistiefeln. „Damit wollen wir zeigen, dass wir bald unsere Arbeitskleidung an den Nagel hängen können, wenn es keine Hilfe durch die Politik gibt“, sagt Oswald Henkel. Er hält es bemerkenswert, dass Landwirte länderübergreifend auf die Straße gegangen seien und dass sich auch Verbraucherverbände auf die Seite der Milchbauern gestellt hätten.
„Es ist ja auch wirklich Irrsinn, wenn die Politik zulässt, dass die Milchmengen steigen und der Steuerzahler dann dafür zahlen muss, dass Überschüsse hoch bezuschusst aus dem Weltmarkt verkauft werden“, sagt Henkel. Einige französische und belgische Bauern kamen mit dem Traktor zur Demo, die 50 Landwirte aus Rhön und Vogelsberg reisten mit dem Bus nach Brüssel. „Es hätten aus unserer Region ein paar mehr Kollegen sein können“, klagt Henkel. Aber weil derzeit bereits die Getreideernte begonnen habe und vielleicht auch die Milchpreise sich etwas aus ihrem Vorjahrestief hochgearbeitet hätten, sei die Motivation mancher Kollegen zu protestieren, gering gewesen. Zudem beginne ja jetzt erst die Diskussion über den Expertenvorschlag. „Da ist es allerdings wichtig, dass wir von vornherein unsere Position klar machen“, sagt Henkel.
Die demonstrierenden Bauern beklagten auch, dass die Experten eine Mengenregulierung, wie ihn der Bund Deutscher Milchviehhalter fordert, ablehnt. „Ohne Regulierung der Milchpreise und des Milchmarktes wird es keine fairen Erzeugerpreise geben. Wird in Europa zu viel Milch produziert, dann überschwemmt die billige Milch die Märkte und zerstört die Position der Milchbauern am Markt“, warnte Henkel.
Positiv sei, dass das Expertenkomitee immerhin anerkenne, dass sich die Milcherzeuger in einer schwächen Position befänden.