In Brasilien die Heimat schätzen gelernt
04.09.2010 - ALSFELD
Von Michelle Bauer
SPOT-Mitarbeiterin Michelle Bauer erlebte Brasilien im Sommer ein zweites Mal nach ihrem Austauschjahr
Brasilien. Ein Land, das man meistens mit schönen Stränden, Karneval in Rio und Samba assoziiert. Aber eigentlich ist es ganz anders, beziehungsweise ist das nur ein Teil dieses Landes. Im Schuljahr 2008/2009 habe ich mit dem Rotary-Club einen Austausch in dieses riesige Land voller Naturwunder, Menschen, Millionenmetropolen und verlassenen Landstrichen gemacht. Wo arm und reich nebeneinander wohnen. In diesen Monaten der Euphorie habe ich versucht, alles von dem Land mitzunehmen, was ich konnte. In den Sommerferien flog ich noch einmal hin, um das Land noch einmal zu erleben.
Mein Wohnort war Ponte Nova, eine Stadt im Staat Minas Gerais, welche im Südosten des Landes liegt und geprägt ist von alten Minen, roter Erde und Nichts. Ich wohnte bei insgesamt vier Gastfamilien und konnte somit verschiedene Seiten des Lebens in Brasilien kennenlernen. In dem sozialen Jugendclub von Rotary „Interact“ arbeitete ich damals aktiv mit und wir unternahmen auch vieles zusammen. Somit kam ich bis in die so genannten „Favelas“ meiner Stadt, die Armenviertel, um dort Kindern zu helfen.
Innerhalb dieses Jahres machte ich auch eine vierwöchige Reise mit anderen Austauschschülern an die Strände Brasiliens. Wir aßen Kokosnüsse, süße Pizza und vieles andere, sind Strandsurfen gegangen, schliefen in vielen tollen Hotels, oder waren auf den „Feiras“ wo man Kleidung zu günstigen Preisen kaufen kann. Wir waren auf vielen Festen und Shows und haben viele wunderbare Städte wie Salvador oder Rio de Janeiro gesehen. Hierbei entdeckten wir einige der schönsten Seiten Brasiliens und was dieses Land sonst noch alles zu bieten hat.
In meiner Schule kam ich trotz Sprachbarrieren gut voran, meine brasilianischen Klassenkameraden störte es nicht, mir mit Händen und Füßen alles zu erklären. Sie malten mir alles auf einen Zettel und hatten immer wieder eine neue brasilianische Spezialität für mich zu essen. Sie waren einfach unglaublich nett und taten so viel für mich. In der Schule musste ich nicht aufpassen und konnte schlafen, klingt doch toll, oder? Sobald ich jemanden auf der Straße sah, erkannte man mich und begrüßte mich mit schwenkenden Armen. Auch meine Familien kümmerten sich immer um mich und ich war viel mit meinen Freunden unterwegs. Jedoch immer etwas eingeschränkt von den Regeln des Rotary-Clubs, welche ja aber auch zur Sicherheit der Austauschschüler beigetragen haben.
Am Tag der Heimreise war mein Herz schwer, viele Tränen flossen und ich konnte einfach nicht glauben, dass ein Jahr so schnell vorbeigehen konnte. Die ersten Monate in Deutschland fielen mir sehr schwer. Bei allem was ich sah, musste ich an Brasilien denken und fing nach und nach an, alles zu vergleichen. Nach einiger Zeit der Wiedereingewöhnung fing ich an, die Unterschiede objektiver zu betrachten. Das Erste, das mir auffiel war, dass Deutschland ein unglaublich modernes Land ist. Die Straßen und Gebäude sind sauber und alles sieht so aus, als wäre es genau so gewollt. In Brasilien sind die Straßen unsauber, die Gebäude teilweise kaputt und Hunde laufen frei auf der Straße herum. Und auch wenn die Menschen hier in Deutschland im allgemeinen als sehr distanziert und unterkühlt beschrieben werden, so kann man sich jedoch auf die Menschen in Deutschland zum größten Teil verlassen. Ein Vorhaben oder die angebotene Hilfe wird auch meistens in die Tat umgesetzt. In Brasilien verhält sich das oft etwas anders. Stellt sich ein Problem, so hat der Brasilianer tausend Ratschläge und Ideen, kennt hier und dort einen und ist sich sicher, das Problem lösen zu können. Stellt sich ihm dann ein klitzekleiner Baustein in den Weg, und sei es nur die Faulheit, verlischt die gesamte Euphorie und alle Vorhaben werden über den Haufen geworfen. Und so steht man wieder alleine vor seinem Problem.