In Brasilien die Heimat schätzen gelernt
04.09.2010 - ALSFELD
Von Michelle Bauer
SPOT-Mitarbeiterin Michelle Bauer erlebte Brasilien im Sommer ein zweites Mal nach ihrem Austauschjahr
Wenn mir jemand die Frage stellen würde, welches Fazit ich in Bezug auf schulische Erfahrungen gezogen habe, so wäre das nicht unbedingt positiv. Die Tatsache in der Schule schlafen zu können, hat mich faul gemacht und das brasilianische Schulsystem hat auch seine Nachteile. Vor allem die sprachlichen Fächer werden sehr vernachlässigt. So haben die meisten Schüler bei ihrem Schulabschluss nur einen unzureichenden Wortschatz in der englischen Sprache. Allgemein sind die Unterschiede im Bildungsniveau zwischen den privaten und öffentlichen Schulen sehr groß. Ich habe mein eigenes Land nach einiger Zeit, um einiges mehr schätzen gelernt und bin dankbar für die gute schulische Ausbildung, welche mir hier ermöglicht wird. Auch so etwas wie ein Versicherungssystem ist in Brasilien nur in geringem Maße vorhanden.
Das könnte jetzt so klingen, als hätte ich nach einem Jahr zurück in Deutschland die Freude an Brasilien verloren. Doch so ist es natürlich nicht und somit bin ich in diesen Sommerferien für vier Wochen wieder nach Brasilien geflogen und habe meine Stadt, diesmal volljährig, erleben dürfen. Diesmal fiel mir auf, dass dort kein Mercedes, BMW oder Audi steht. Nein, dort sind es der Fiat Uno, der Käfer und kleine VW-Busse. Doch in Brasilien hat der Materialismus einen geringeren Stellenwert und es war, wie zu erwarten, ein toller und aufregender Monat. Nachdem meine Bekannten mitbekommen hatten, dass ich wieder da war, was in einer 65 000 Einwohner Stadt Brasiliens sehr schnell geht, wollte sich natürlich jeder sofort mit mir treffen. Plötzlich waren sie alle wieder da und viele erkannten mich auf der Straße, fragten: „Wo warst du und was tust du“. Die meiste Zeit widmete ich aber meinen Freunden und ehemaligen Gastfamilien.
Abends gingen wir aus oder auf Feste. Diesmal hatte ich die Chance das Leben in Brasilien als „Brasilianerin“ zu erleben. Die Sitten und Gebräuche kannte ich dieses Mal schon und volljährig war ich auch, was auch gut so war. Denn auch in Brasilien sind die Gesetze strenger geworden und unter 18-Jährige dürfen sich nach elf Uhr abends nicht mehr auf der Straße aufhalten. Denn in Brasilien ist es üblich, dass man sich am Abend auf der Straße trifft oder in Bars, am Wegrand sitzt und erzählt, feiert und tanzt. Ich habe auch die neue Austauschschülerin, eine Mexikanerin, kennengelernt und habe gesehen, dass sie die gleichen Erfahrungen gemacht hat, wie ich im letzten Jahr. Überglücklich, mit allen möglichen Leuten, die sie treffen kann, schreiend auf der Straße und man könnte fast sagen, mit einer rosaroten Brille eines Austauschschülers.
Ein Austausch ist einfach immer gut. Und auch das Zurückkommen ist gut, sehr gut sogar. Man muss nur den Kontakt halten und lernen, auf wen oder was man sich verlassen kann oder nicht. Denn nicht nur Brasilien hat seine Fehler, auch Deutschland hat es und jedes andere Land auch. Und ein Brasilianer ist nun einmal eine impulsive und lebensfrohe Person, die sich auch leider als nicht unbedingt zuverlässig entpuppen kann. Doch auch von uns Deutschen könnte man sagen, dass einige ohne einen besonderen Grund übellaunig erscheinen, denn eigentlich haben wir alles, was wir zum Leben brauchen und das gleiche Recht, um unser Leben nach unseren Wünschen gestalten zu können.
Die meisten meiner brasilianischen Freunde haben leider nicht die Möglichkeit, mich einfach hier in Deutschland zu besuchen, da es ihnen jetzt und wahrscheinlich auch in Zukunft an finanziellen Mitteln fehlen wird. Und somit lautet das brasilianische Motto eben: „Wenn du da bist, dann sind wir auch da!“
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