Auf den Spuren Lennons mitten in die 60er Jahre
29.11.2010 - LAUTERBACH
Von Gerhard Otterbein
Achim Ammes Beatlesplauderstunde führte vom Casino 2010 ins Lichtspielhaus
LAUTERBACH. Keine hysterischen Schreie hallten durch die Räume des Casino 2010, als der Autor, Schauspieler und Musiker Achim Ammes für die Kulturreihe „Der Vulkan lässt lesen“ das Rad der Zeit rückwärts drehte und ein Stück Beatlesgeschichte ins Hier und Jetzt, nach Lauterbach, holte. Applaus statt Gekreische erntete der Mann, der den Geist der „Fab Four“ und die Beatles-Ära für etwa 90 Minuten wiedererweckte. Viele Beatlesfans der Kreisstadt schienen an diesem Abend einen anderen Termin gehabt zu haben, denn Achim Amme bot sich vom Podest eine überschaubare, aber interessierte Zuhörerrunde. Diese genoss aber die Beatlesplauderstunde mit Musik aus der „Konserve“ in vollen Zügen.
Eigentlich waren es nicht die Beatles, die den Leitfaden des Abends sponnen. Der Hamburger Schauspieler ist in Deutschland unterwegs mit John Lennon, dem charismatischsten des magischen Kleeblatts aus dem Liverpool der 60er Jahre, dessen ganzes Leben und Sterben Amme in Buchform, im Kopf und in Liedern und Texten auf CD mit sich herumträgt. Sein persönliches Wissen über den „Ur-Beatle“ untermauert er durch Lennons Biografie von Philip Norman, die im Droemer Verlag erschienen ist.
Achim Amme ist kein Vorleser, sondern ein Erzähler, der genau weiß, wie das gesprochene Wort beim Zuhörer Kopfkino erzeugt. Apropos Kino. Der im Anschluss gezeigte Film „Backbeat“ im Lichtspielhaus schloss da an, wo die Erzählungen im Casino 2010 aufhörten. Bevor die Schauspieler auf der Leinwand die Anfänge der Beatles, ihre Zeit in Hamburg, filmisch nacherzählten, rückte Achim Amme John Lennons Kindheit und frühe Jugend in das Zentrum. Anhand seiner Schilderungen bröckelte auch etwas von dem Mythos Lennon und der Mensch John Winston Lennon kam zum Vorschein. Es zeigte sich schon in seiner frühsten Jugend: Der kleine John war bereits ein schwieriger Charakter und später Provokateur und Friedensstifter, Dummkopf und Denker, Weichei und Draufgänger, Sunnyboy und Fiesling. Lennon, der Mensch voller Widersprüche, war ein Scheidungskind und wuchs bei der gutbürgerlichen Tante Mimi und seinem Onkel George auf. Zu seiner lebenslustigen Mutter Julia hatte er dennoch ein inniges Verhältnis. Das Band zeriss jäh, als sie tödlich verunglückte. Der frühe Tod der Mütter verband Lennon und MacCartney, beide teilten das Schicksal, die sonst in ewiger Konkurrenz zueinanderstanden. Paul steuerte die Popelemente bei, während John Lennon eher psychedelische Pfade der Musik bevorzugte. „Der ist so gut wie ich“, hatte Lennon bei der ersten Begegnung über das musikalische Können des späteren Vorzeigebeatle MacCartney gesagt.
Immer wieder verknüpfte Achim Amme Lennons Kindheits- und Jugenderlebnisse mit den Texten der Beatles, die er dem CD-Player entlockte. Das verleitete zum rhythmischen Wippen unter den Zuhörern. Bedauerlicherweise hatte Achim Amme nicht selbst zur „Klampfe“ gegriffen. Er kann es, wenn er das will. Mit 15 schrieb er seinen ersten Song. Wie Lennon wusste er seit seiner Jugend, dass die Kunst sein Leben bestimmen wird. Zwei „B“ stellten den vielseitig begabten Menschen vor die Entscheidung: Brecht oder Beatles? Schreiben oder Musik? Amme entschied sich für das Autoren- und Schauspielerdasein. Mit 20 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband und feierte im Laufe seiner Schauspielerkarriere große Erfolge am Theater. Kaum ein Autor und Schauspieler verfügt über eine derartig angenehme Stimme, was Achim Amme in die Lage versetzt, alles und jeden glaubwürdig vorzutragen. Ein Erlebnis ist es, wenn er sein Programm „Ringelnatz - echt verboten!“ zum Besten gibt. Laut Gerlinde Becker, Inhaberin der Buchhandlung Lesezeichen und Veranstalterin, ist es durchaus denkbar, dass Achim Amme in der nächsten Lauterbacher Staffel „Der Vulkan lässt lesen“ im Programmheft stehen wird.