Schlüsselloch-Chirurgie und moderne Prothesen bringen Patienten Vorteile
06.01.2012
GIESSEN (fod). Alljährlich brauchen in Deutschland etwa 160 000 Menschen ein künstliches Hüftgelenk. Tendenz steigend. An der Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie des Gießener Universitätsklinikums hat der leitende Oberarzt Dr. Bernd Ishaque ein neues Verfahren der sogenannten Schlüssellochchirurgie etabliert, das für viele Patienten deutliche Vorteile mit sich bringt: Einen kürzeren Krankenhausaufenthalt, schnellere Wundheilung, weniger Schmerzen und kaum noch Blutverlust.
„Bei dieser neuen Technik muss die Muskulatur rund um das Hüftgelenk nicht mehr durchtrennt werden, um die Prothese einzusetzen“, nennt der Orthopäde als größten Vorteil. Stattdessen werden Muskeln und Sehnen mit speziellen Instrumenten gespreizt und sind somit unmittelbar nach der Operation wieder funktionsfähig während sie beim herkömmlichen Verfahren erst wieder am Knochen befestigt werden müssen und auch die Blutversorgung wiederherzustellen ist. „Studien zeigen, dass auf diese Weise die Muskeln nicht mehr die gleiche Stärke wie vorher gewinnen“, weiß Ishaque zu berichten. Doch dieses Problem tritt nun mit der neuen minimal-invasiven Methode, die zudem nur noch einen etwa halb so langen Hautschnitt wie bisher erfordert, gar nicht mehr auf. Und Blutkonserven sind nicht mehr länger nötig, da Gefäße wie auch Muskelgewebe geschont werden.
Eine weitere Neuerung stellen die von dem Orthopäden immer häufiger in den Oberschenkelknochen eingesetzten Kurzschaftprothesen dar, die im Vergleich zu herkömmlichen Implantaten um etwa zwei Drittel kürzer sind. Ihr Kopf ist bis zu acht Millimeter dicker im Durchmesser, wodurch die Wahrscheinlichkeit, aus der künstlichen Hüftpfanne hinaus zu gleiten, wesentlich gemindert wird. „Sie sind aus einer Spezialkeramik gefertigt, die viel weniger Abrieb als bisherige Materialien erzeugt“, betonte Ishaque. Somit sinkt das Entzündungsrisiko durch abgesonderte Partikel um ein Vielfaches. Einzig Patienten mit einer manifestierten Osteoporose würden für Kurzschaftprothesen nicht infrage kommen. Ansonsten sei es wichtig, die jeweils passende Lösung, so zum Beispiel bei knöchernen Fehlstellungen, zu finden, machte der Arzt deutlich.
Bernd Ishaque, der die Technik gemeinsam mit Prof. Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer der Universitätsklinikums Gießen und Marburg GmbH (UKGM), vorstellte, konnte von rund 400 Patienten berichten, die bislang in Gießen erfolgreich damit behandelt wurden. In diesem Zusammenhang lobte er die sehr gute Kooperation mit den Anästhesisten des Klinikums, die dafür verantwortlich sind, während der 50 bis 70 Minuten dauernden Operation für eine ausreichende Muskelentspannung zu sorgen, was den Eingriff enorm erleichtert. Anfangs vorrangig nur für jüngere Patienten gedacht, ließen sich aufgrund der gewonnenen Erfahrung mittlerweile auch Menschen in einem Alter ab 60 Jahren „prima damit operieren“, hob der Orthopäde hervor.
Und sollte eine gelockerte Hüftgelenksprothese ersetzt werden müssen, verfüge man durch das neue, schonendere Verfahren nun über „wesentlich bessere Voraussetzungen für eine Wechsel-OP“, die derzeit durchschnittlich alle 15 bis 20 Jahre notwendig ist. Bei den bislang von ihm implantierten Kurzschaftprothesen sei dieses Problem allerdings noch nicht aufgetreten. Derzeit werden an der Klinik jährlich 80 bis 120 Prothesenwechsel - gegenüber rund 200 erstmaligen Implantaten - vorgenommen. Aufgrund der demographischen Entwicklung sei hier jedoch mit einer Zunahme zu rechnen, sagte Ishaque.