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Hochschule 

„Kriege sind immer auch Medienereignisse“

07.02.2012

Tagung „Außenpolitik und Öffentlichkeit seit dem 19. Jahrhundert“ an JLU - Rund 20 Historiker untersuchen Wechselwirkung bis zur Gegenwart

GIESSEN (olz). Das deutsche Kaiserreich in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914. Admiral Alfred von Tirpitz gibt ein Interview, das erhebliche Auswirkungen auf die politische Führung des Landes und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hat. Denn der Marineoffizier befürwortet den uneingeschränkten deutschen U-Boot-Krieg, den Bethmann Hollweg ablehnt. Dadurch entsteht jedoch erheblicher öffentlicher Druck, der Ende 1917 zum gewünschten Einsatz der Unterseeboote, aber auch zum Kriegseintritt der USA führt. Diese wichtige Episode deutscher Politik ist nur ein Beispiel für den Zusammenhang von Außenpolitik und Öffentlichkeit, der im Mittelpunkt einer Historikertagung an der Justus-Liebig-Universität (JLU). Auf Einladung von Prof. Frank Bösch vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Privatdozent Peter Hoeres von der JLU in Verbindung mit dem Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) waren 20 Geschichtswissenschaftler aus ganz Deutschland zu der Tagung „Außenpolitik und Öffentlichkeit seit dem 19. Jahrhundert“ nach Gießen gekommen. Ausgangspunkt der Zusammenkunft war die These, dass sich Diplomatie und öffentliche Meinung wechselseitig beeinflussen. Doch wie funktioniert diese Interaktion? In zahlreichen Vorträgen nahmen die Wissenschaftler unterschiedlichste Entwicklungen bis in die Gegenwart unter die Lupe, und zum Auftakt standen „Außenpolitik und Propaganda in der Epoche der Weltkriege“ auf dem Programm. Damit zurück in den Ersten Weltkrieg und zu Admiral Tirpitz, Reichskanzler Bethmann Hollweg und zum Vortrag „Propaganda, Zensur und Medien im Ersten Weltkrieg“, von Prof. Sönke Neitzel aus Glasgow.

List, Tücke, Verbrechen

„Kriege sind immer auch Medienereignisse, und lange vor den Weltkriegen wurde bereits mit Worten gefochten“, erklärte der Wissenschaftler. Ziel sei es immer gewesen, dem anderen List, Tücke oder Verbrechen nachzuweisen, um selbst gut dazustehen. Auch wenn die Propaganda also eine gewisse Tradition hat, wurde mit dem Ersten Weltkrieg vieles anders. Neitzel sprach von einer Zäsur, denn erstmals sei ein großer Krieg von der Massenpresse begleitet worden, was sich übrigens auch auf die lange Dauer auswirkte. „Der Erste Weltkrieg war ein großes Medienereignis“, so der Historiker, der erklärte, dass die Propaganda eine Auseinandersetzung von Gut gegen Böse beschworen und den Kämpfen einen religiösen Sinn unterstellt habe. „Die staatliche Propaganda wurde zum Schwungrad des Krieges, aber sie darf nicht überschätzt werden“, unterstrich der Geschichtswissenschaftler. Beispielsweise einfache Soldaten im Schützengraben habe sie nicht erreichen können. Auch der Einfluss auf den Feind sei begrenzt gewesen, und Hauptziel war es, die eigene Bevölkerung zu erreichen. Allerdings entwickelte sich die Meinungsmache zum zweischneidigen Schwert, denn auch wenn es durch sie gelang, den Zusammenhalt im Volk zu beschwören, bedeutete sie für die Politik einen enormen Zugzwang. „Ein Kompromissfriede wurde fast unmöglich“, betonte Neitzel, der die Wirkung der Propaganda auf die Politik und speziell die Außenpolitik am Beispiel des uneingeschränkten U-Boot-Krieges verdeutlichte. Ziel war es, England empfindlich zu schädigen, doch Bethmann Hollweg, der sich lange gegen den Einsatz der Boote stemmte, fürchtete, dass gerade der Einsatz der U-Boote die USA zum Kriegseintritt bewegen könne. Deshalb versuchte die Politik lange, den Krieg der Unterseeboote zu verhindern. Anders als die Militärs, als deren Vertreter Tirpitz mit seinem Interview „die Büchse der Pandora“ geöffnet habe. Der Admiral entfachte in der Presse die Hoffnung der Bevölkerung auf die Wirkung der Boote und eine ständige öffentliche Debatte, die - mangels systematischer Presselenkung - den Reichskanzler unter Druck gesetzt habe, der Seekriegserklärung zuzustimmen. Im Januar 1917 wurde der uneingeschränkte U-Boot-Krieg schließlich beschlossen, was großen Anteil daran hatte, dass die USA in den Krieg eintraten.

Der pointierte Vortrag Neitzels war nur ein Beispiel für die Interaktion zwischen Außenpolitik und Öffentlichkeit, die aus wechselnden Blickwinkeln untersucht wurde. Auch Prof. Karl Heinrich Pohl aus Kiel mit seinem Referat „Die Öffentlichkeit und Stresemanns Außenpolitik“ und der Berliner Prof. Bernd Sösemann mit Ausführungen zu „Propaganda, Medien und Außenpolitik im Nationalsozialismus“ vertieften die Diskussionen, bevor die Tagung nach zahlreichen weiteren Vorträgen zu Ende ging.

Gastgeber der Historikertagung: Privatdozent Dr. Peter Hoeres (links) und Prof. Frank Bösch.  	Foto: Scholz

Gastgeber der Historikertagung: Privatdozent Dr. Peter Hoeres (links) und Prof. Frank Bösch. Foto: Scholz Vergrößern

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