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Gießener Anzeiger

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Hochschule 

Beim „Spiegel-Gespräch – live in der Uni“ dreht sich alles um Demenz

03.03.2010 - GIESSEN

(fm). „Die Menschen haben mehr Angst vor Demenz als vor dem Tod“, sagte Professor Reimer Gronemeyer beim „Spiegel-Gespräch – live in der Uni“. In der von Annette Bruhns, Redakteurin des Nachrichtenmagazins, geleiteten Diskussionsveranstaltung zum Thema „Ist Alzheimer eine Krankheit?“ waren sich Gronemeyer und der Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, Leiter der dortigen Gedächtnisambulanz, trotz unterschiedlicher Ansätze beim Umgang mit „einem der großen Tabus unserer Zeit“ in wesentlichen Punkten einig.

Als ein „komplexes Thema der gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft“ betreffe Demenz auch die Fachbereiche Psychologie, Soziologie und Ökonomie, sagte JLU-Präsident Joybrato Mukherjee bei seiner Begrüßung in der voll besetzten Uni-Aula. „Interdisziplinäre Zusammenarbeit zeichnet von jeher die Universität Gießen aus.“

„Demenz fordert unsere Herzen und unsere Empathie“
Für Annette Bruhns, die sich drei Tage lang im Pflegeheim „Sonnweid“ bei Zürich, einer der besten Demenz-Einrichtungen der Welt, aufgehalten hat, steht außer Frage: „Demenz ist nicht heilbar, sie fordert unsere Herzen und unsere Empathie.“ Unter Bezug auf sein neues Buch „Ist Altern eine Krankheit?“, in dem Demenz als „eine Zeitbombe, die inmitten unserer Gesellschaft tickt“, bezeichnet wird, beklagte Gronemeyer, dass in der Öffentlichkeit „ein falsches, bloß medizinisches Verständnis der Demenz verbreitet“ sei. Demgegenüber sei ihre soziale Seite „bisher vernachlässigt“ worden. Für den Gießener Soziologen gibt es Anzeichen, „dass Verwirrtheit mit den ganz normalen Alterungsprozessen zu tun hat“.

Mit den normalen ärztlichen Verfahren sei eine hundertprozentige Diagnose zwar nicht möglich, räumte Pantel ein. Aber die mit Hilfe moderner Bildgebungsverfahren feststellbaren neuropathologischen Veränderungen im Gehirn wie Eiweiß-Ablagerungen (amyloider Plaques) und Neurofibrillenbündel belegten, „dass Alzheimer eine Krankheit ist“.

Fähigkeit wird zerstört, neue Informationen zu speichern
Da das Gehirn kein isoliertes Organ sei, verfüge es auch bei Alzheimer über bestimmte Areale, die Ausfallerscheinungen kompensieren könnten, sagte der Experte. Allerdings zerstöre die Krankheit bei einem dementen Menschen die Fähigkeit, neue Informationen zu speichern. Rund 30 Prozent der Leute, die mit besorgten Fragen wie „Ist meine Vergesslichkeit noch normal?“ zur Untersuchung in die Praxis kämen, könnten als gesund entlassen werden.

Gronemeyer, der zugleich Vorsitzender der Gießener „Aktion Demenz“ ist, ist überzeugt, dass sich die Gesellschaft ändern muss. Vor allem weil im Jahr 2050 in Europa 70 Millionen Menschen älter als 80 Jahre und zum Großteil pflegebedürftig sein werden. Schon jetzt lebe in Deutschland jeder zweite über 85-Jährige allein. Deshalb gehe es bei der Aktion „Demenzfreundliche Kommunen“ darum, Menschen mit Demenz die Teilhabe am Leben in der Kommune und in der Gesellschaft zu ermöglichen und Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Demenz zu ermöglichen („Türen öffnen“).

Diskussion zum Thema "Demenz" (v.l.): Soziologe Reimer Gronemeyer, Spiegel-Redakteurin Annette Bruhns und der Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel. Bild: MaywaldVergrößern

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