Von Frank-Oliver Docter
Viele Paare warten jahrelang erfolglos auf Nachwuchs. Die Ursachen der Unfruchtbarkeit können jedoch häufig nicht ermittelt werden. Denn manches liegt noch im Dunkeln. Wie etwa die Rolle, die so genannte Sulfatierte Steroidhormone bei Reproduktionsvorgängen innerhalb der Zelle spielen. Dies genauer untersuchen möchten nun die Gießener Experten, die einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Justus-Liebig-Universität (JLU) mit 1,1 Millionen Euro geförderten neuen Forschergruppe angehören.
Auf zunächst drei Jahre angelegt, sind darin fünf interdisziplinäre Teilprojekte an den Fachbereichen Veterinärmedizin und (Human-)Medizin in Gießen sowie eines am Institut für Biochemie der Universität des Saarlandes vereinigt. Sie ist dabei eine von derzeit nur zehn Forschergruppen, mit denen die DFG bundesweit die ortsübergreifende Kooperation von Wissenschaftlern intensiviert – mit dem Ziel, neue Arbeitsrichtungen zu etablieren.
Speziesübergreifend und Organübergreifend
Während die Bedeutung sulfatierter Steroide für die Vorgänge innerhalb der weiblichen Plazenta und das Wachstum hormonabhängiger Brustkarzinome gut erforscht ist, ist sie im Falle der Reproduktionsprozesse beim Menschen wie auch Haussäugern nahezu unbekannt. „Wir betreiben hier Grundlagenforschung“, sagt Gruppensprecher Prof. Martin Bergmann vom Institut für Veterinär-Anatomie, -Histologie und -Embryologie. Sowohl speziesübergreifend als auch organübergreifend wolle man daher untersuchen, welche Wirkung diese speziellen, mit dem chemischen Element Schwefel versetzten Sexualsteroide auf das gesamte System ausüben.
Die Kombination der hieran beteiligten Fachdisziplinen sei laut Gruppenkoordinator Prof. Joachim Geyer in dieser Form bislang „international einzigartig“. Im Fokus stehen die Vorgänge im Hoden bei Mensch, Eber und Maus sowie der Humanplazenta, an denen sulfatierte Steroide beteiligt sind, wie der am Institut für Pharmakologie und Toxikologie tätige Wissenschaftler ausführte.
Manches Rätsel muss erst noch gelöst werden
Ziel der Forschungsgruppe ist die Charakterisierung deren Metabolismus, also der Rolle im Stoffwechsel und bei Transportvorgängen, des zellulären Im- und Exports sowie bei der Aktivierung in den weiblichen und männlichen Sexualorganen. Dabei gilt es manches Rätsel zu lösen: So berichtet Prof. Bernd Hoffmann von der Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie, dass ein Eber in der Lage sei, trotz „extrem hoher Östrogenwerte“ etwa 20 Milliarden Spermien täglich zu produzieren. Beim Mensch hingegen würden schon wesentlich niedrigere Werte die Spermienbildung stark herabsetzen.
Wie Hoffmann leitet auch Prof. Stefan Wudy vom Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin ein Teilprojekt. Der Mediziner wird sich mit der Entwicklung einer effektiveren Nachweismethodik für sulfatierte Steroide befassen, um diese künftig im Blutplasma oder Zellkulturen eindeutig identifizieren zu können.
„Ganz wichtiger Baustein für weitere Verbundprojekte"
Wie Prof. Georg Baljer, Dekan des Fachbereichs Veterinärmedizin, und die für Forschungsfragen zuständige Zweite Vizepräsidentin Prof. Katja Becker freute sich auch JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee über den „großen Erfolg“ und gratulierte allen Beteiligten. „Die Reproduktionsmedizin hat eine lange Tradition an der Gießener Universität. Die Gruppe kann deshalb auf ein solides Fundament langjähriger Forschung aufbauen“, betonte er. Es handele sich um einen „ganz wichtigen Baustein für weitere Verbundprojekte in der Zukunft“, so Mukherjee. Zudem sei dieser Erfolg ein weiterer Beleg für das in den Lebenswissenschaften „einzigartige Fächerprofil“, das Gießen anderen Hochschulen voraus hat.