(fm). „Die Menschen haben mehr Angst vor Demenz als vor dem Tod“, sagte Professor Reimer Gronemeyer beim „Spiegel-Gespräch – live in der Uni“. In der von Annette Bruhns, Redakteurin des Nachrichtenmagazins, geleiteten Diskussionsveranstaltung zum Thema „Ist Alzheimer eine Krankheit?“ waren sich Gronemeyer und der Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, Leiter der dortigen Gedächtnisambulanz, trotz unterschiedlicher Ansätze beim Umgang mit „einem der großen Tabus unserer Zeit“ in wesentlichen Punkten einig.
Als ein „komplexes Thema der gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft“ betreffe Demenz auch die Fachbereiche Psychologie, Soziologie und Ökonomie, sagte JLU-Präsident Joybrato Mukherjee bei seiner Begrüßung in der voll besetzten Uni-Aula. „Interdisziplinäre Zusammenarbeit zeichnet von jeher die Universität Gießen aus.“
„Demenz fordert unsere Herzen und unsere Empathie“
Für Annette Bruhns, die sich drei Tage lang im Pflegeheim „Sonnweid“ bei Zürich, einer der besten Demenz-Einrichtungen der Welt, aufgehalten hat, steht außer Frage: „Demenz ist nicht heilbar, sie fordert unsere Herzen und unsere Empathie.“ Unter Bezug auf sein neues Buch „Ist Altern eine Krankheit?“, in dem Demenz als „eine Zeitbombe, die inmitten unserer Gesellschaft tickt“, bezeichnet wird, beklagte Gronemeyer, dass in der Öffentlichkeit „ein falsches, bloß medizinisches Verständnis der Demenz verbreitet“ sei. Demgegenüber sei ihre soziale Seite „bisher vernachlässigt“ worden. Für den Gießener Soziologen gibt es Anzeichen, „dass Verwirrtheit mit den ganz normalen Alterungsprozessen zu tun hat“.
Mit den normalen ärztlichen Verfahren sei eine hundertprozentige Diagnose zwar nicht möglich, räumte Pantel ein. Aber die mit Hilfe moderner Bildgebungsverfahren feststellbaren neuropathologischen Veränderungen im Gehirn wie Eiweiß-Ablagerungen (amyloider Plaques) und Neurofibrillenbündel belegten, „dass Alzheimer eine Krankheit ist“.
Fähigkeit wird zerstört, neue Informationen zu speichern
Da das Gehirn kein isoliertes Organ sei, verfüge es auch bei Alzheimer über bestimmte Areale, die Ausfallerscheinungen kompensieren könnten, sagte der Experte. Allerdings zerstöre die Krankheit bei einem dementen Menschen die Fähigkeit, neue Informationen zu speichern. Rund 30 Prozent der Leute, die mit besorgten Fragen wie „Ist meine Vergesslichkeit noch normal?“ zur Untersuchung in die Praxis kämen, könnten als gesund entlassen werden.
Gronemeyer, der zugleich Vorsitzender der Gießener „Aktion Demenz“ ist, ist überzeugt, dass sich die Gesellschaft ändern muss. Vor allem weil im Jahr 2050 in Europa 70 Millionen Menschen älter als 80 Jahre und zum Großteil pflegebedürftig sein werden. Schon jetzt lebe in Deutschland jeder zweite über 85-Jährige allein. Deshalb gehe es bei der Aktion „Demenzfreundliche Kommunen“ darum, Menschen mit Demenz die Teilhabe am Leben in der Kommune und in der Gesellschaft zu ermöglichen und Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Demenz zu ermöglichen („Türen öffnen“).
Gronemeyer: Zahl der Demenzkranken verdoppelt sich
Derzeit leiden eine Million Bürger in Deutschland an der Alzheimer-Krankheit oder anderen Formen der Demenz. Diese Zahl dürfte sich laut Gronemeyer in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Sein Appell: „Menschen mit Demenz sollten als Mitbürgerinnen und Mitbürger von uns nicht ‚vergessen‘ werden – auch wenn sie vergesslich geworden sind!“ Für Pantel ist eine medizinische Diagnose die Weichenstellung, „um Hilfe von der Solidargemeinschaft zu bekommen“.
Gronemeyer weiß, weshalb Demenz ein riesiges Tabuthema ist: „Anders als zum Beispiel eine Krebserkrankung zielt die Demenz auf den Kern unseres Selbstverständnisses und kränkt uns zutiefst.“ Die Menschen seien „peinlich berührt“. So wie die Hospizbewegung in Deutschland von 80.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen werde, dürfe sich die Gesellschaft auch bei Demenz nicht abwenden.
Zusätzlicher Druck auf alte Menschen erwartet
Einig waren sich Gronemeyer und Pantel, dass eine Gesellschaft, die sich als fit, leistungsfähig, jugendlich und schön versteht, einen „zusätzlichen Druck auf alte Menschen“ ausübt. Besonders wenn die Diagnose Alzheimer vorliege. In Anlehnung an die „Multi-Millionen“, die seit den 70er Jahren in das Heidelberger Krebsforschungszentrum geflossen sind, forderte Pantel die Einrichtung eines Zentrums für Demenzforschung.
Auf Möglichkeiten der Vorsorge gegen Demenz angesprochen, verwies der Frankfurter Gerontopsychiater auf sein neues Buch „Geistig fit in jedem Alter: Wie man mit der Aktiva-Methode Demenz vorbeugen kann“. Demnach ist es wichtig, dass sich das Gehirn auch im Alter noch aktiv mit der Umgebung auseinandersetzt, dass die Ernährung auf Mittelmeerkost umgestellt wird und dass man dreimal wöchentlich eine halbe Stunde Bewegung macht.
Hoher Informationsbedarf
In der anschließenden Diskussion belegten mehr als ein Dutzend Wortmeldungen, dass es bei dem Tabu-Thema Demenz einen sehr hohen Informationsbedarf gibt. Angesprochen wurde unter anderem, ob ein Demenzkranker im fortgeschritten Stadium ein Recht auf Freitod hat. Gronemeyer ist „strikt gegen Sterbehilfe als eine gesellschaftliche Dienstleistung“. Andere Beiträge thematisierten den Stand der Entwicklung von Medikamenten gegen Demenz – zur Zeit sind etwa 30 Substanzen in der klinischen Erprobung – und die Frage, „ob ein Demenzkranker es merkt, wie er verfällt“. Pantels Antwort: „Das ist die Regel.“