Landesweite Umfrage: Fachhochschulen sehen sich gegenüber Universitäten benachteiligt - Die wiederum warnen vor "absoluter Unführbarkeit"
FRANKFURT/GIESSEN (dpa/lhe). Mehrere Hochschulgremien haben Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) aufgefordert, von den geplanten Kürzungen abzurücken. Dabei stehen die Hochschulen bei der Verteilung des Geldes auch in einem harten Wettbewerb untereinander, wie eine landesweite Umfrage der Deutschen Presseagentur ergab.
Gemessen am hohen Stellenwert "als Qualifikationsstätten des praxisorientierten wissenschaftlich-technischen Fachkräftenachwuchses" sei hochschulpolitisch noch einiges zu tun, um die Fachhochschulen (FH) im Vergleich zu den Universitäten angemessen auszustatten, sagt Prof. Günther Grabatin, Präsident der FH Gießen-Friedberg und Vorsitzender der Konferenz hessischer Fachhochschulpräsidien (KHF).
Die Unis seien in der Forschung viel besser ausgestattet als die Fachhochschulen, bemängelt auch der Präsident der kleinsten Hochschule des Landes, Karim Khakzar, aus Fulda. Der Präsident der Frankfurter FH, Detlev Buchholz, betont, die FH habe anders als kleine Hochschulen in der Peripherie, die mit dem Mittelstand stärker vernetzt seien, in Deutschlands fünftgrößter Stadt auch einen Integrations- und Sozialauftrag für die Studierenden.
Die Technische Universität Darmstadt (TUD) sieht sich als einzige Technische Uni Hessens in ihren Schwerpunkten Ingenieurwissenschaften und Informatik durch die Mittelzuweisung des Landes strukturell benachteiligt. Auch in Gießen ist von "erheblichen Ungleichgewichten" aufgrund dieser Verteilung die Rede. An der Marburger Uni heißt es, die Hochschule habe wegen ihres Bauzustands in den nächsten Jahren erhebliche Sonderbelastungen zu tragen.
"Die von der Landesregierung vorgelegten Kürzungspläne sind ein völlig falsches Signal in einer für die Zukunft von Forschung und Bildung extrem wichtigen Phase", kritisiert TUD-Präsident Prof. Hans Jürgen Prömel. "Erstens müssen wir in den kommenden Jahren die doppelten Abitur-Jahrgänge in Hessen aufnehmen, zweitens startet eine neue Runde der Bund-Länder-Initiative, drittens haben wir bereits in der Vergangenheit die Anzahl der Studierenden bis an die Kapazitätsgrenze gesteigert." Nach den derzeitigen Plänen der hessischen Landesregierung würde das Budget der TU Darmstadt um 8,6 Millionen Euro für das Jahr 2011 gekürzt und auch in den folgenden Jahren auf diesem Stand eingefroren werden, sagte Prömel. "Damit würde das Wissenschaftsministerium eine Spirale nach unten in Gang setzen, die für die TU einen erheblichen Substanzverlust befürchten lässt."
Die Justus-Liebig-Universität in Gießen rechnet mit Einbußen von vier bis sechs Millionen Euro pro Jahr, wenn die Pläne aus Wiesbaden umgesetzt werden. Hinzu kämen die Tarifsteigerungen, die die Hochschule selbst tragen müsse. Eine Steigerung um zwei Prozent im Jahr 2011 koste zusätzlich 2,8 Millionen Euro. Präsident Joybrato Mukherjee spricht von "massiven Folgen für unsere Leistungskraft in Forschung und Lehre". Dabei sei die mittelhessische Uni schon seit Jahren "unterfinanziert und herzblutgetrieben".
Der Frankfurter Uni-Präsident Prof. Werner Müller-Esterl sieht die Vorbereitung der Exzellenzinitiative in Gefahr, wenn der größten Hochschule des Landes in den laufenden Verhandlungen zum Hochschulpakt noch Geld gestrichen werden sollte. Zudem komme auf die Hochschulen wegen der doppelten Abiturjahrgänge ohnehin mehr Zulauf zu. Er wünsche sich, "dass die Gesellschaft insgesamt dafür kämpft, dass Bildung ein hohes Gut ist, gesicherte Rahmenbedingungen braucht und sich nicht nach Wirtschaftslagen richtet". Ziel sei eine schwarze Null anstelle der geplanten Kürzungen. "Mehr Ansprüche stellen wir nicht. Wir sehen ja auch die gesamtgesellschaftliche und die wirtschaftliche Situation."
Einen Verlust von 20 bis 35 Prozent der Mittel pro Studierenden hat der Frankfurter FH-Präsident Buchholz errechnet. "Was dieser herbe Einschnitt für die FH bedeutet, kann ich noch gar nicht sagen." Einen Fachbereich zu schließen mache es nur noch schlimmer. Auf jeden Fall werde viel zu wenig Personal, zu wenig Service in Technik und Verwaltung sowie zu wenig Raum für die Studenten da sein. "Wir laufen in die absolute Unführbarkeit." Buchholz forderte die Landesregierung auf, noch einmal ins Budget zu schauen.
Eine Streckung der Mittel für das Heureka-Hochschulbauprogramm und das Wissenschaftsförderprogramm LOEWE um ein halbes Jahr könne das Geld bringen, das die Landesregierung kürzen wolle. Marburg geht von Kürzungen um sechs bis sieben Millionen Euro 2011 aus. Zum Vergleich: Das Budget eines mittelgroßen geisteswissenschaftlichen Fachbereichs liege bei 3,5 Millionen Euro, heißt es nach Angaben der Pressestelle. Verzögerungen bei Stellenbesetzungen, Sachmittelkürzungen und Einschränkungen von Serviceleistungen seien daher unvermeidlich. Dazu kämen jedoch mehr Studierende in Folge der doppelten Abiturjahrgänge. "Die Philipps-Universität ist nach wie vor entschlossen, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen, und hofft, dass die Landesregierung ihre Position revidieren wird."
Die Dekane aller Fachbereiche der Uni Marburg und 296 andere Professoren haben die Landtagsabgeordneten bereits aufgefordert, sich gegen die Kürzungen stark zu machen. "Im Wettbewerb um die besten Köpfe fallen die hessischen Hochschulen weiter zurück", heißt es in dem Schreiben.
Die Universität Kassel nennt noch keine Zahlen und setzt auf die weiteren Verhandlungen. "Wir machen uns alle Sorgen, die Kasseler Haltung ist aber der weitere Diskurs", sagte Sprecherin Annette Ulbricht.