Fit machen für Afrika - Heuchelheimer Tierärztin Nicole Schmidt päppelt vier Wacholderdrosseln und drei Mauersegler auf
22.07.2010 - HEUCHELHEIM
Von Franz Maywald
Ob der oder die unbekannte Finder(in) wusste, dass die Kleintierpraxis von Nicole Schmidt in Heuchelheim unter anderem die „Behandlung von Notfällen“ vornimmt, ist unklar. Fakt ist, dass die Tierärztin vor rund drei Wochen große Augen machte, weil jemand zu früher Stunde ein „Originalnest“ mit vier Vogel-Winzlingen vor der Eingangstür zu ihrer Praxis abgestellt hatte. Einfach so. Ohne Namen und ohne jede weitere Angabe.
Seither sind die vier dunkelgraubraun gefiederten Findlinge in einer kleinen Voliere zu munteren Kerlchen herangewachsen. Laut Schmidt handelt es sich offenbar um Wacholderdrosseln, obwohl sie immer noch einen weißen Überaugenstreif und andere weiße Stellen vermissen lassen.
Von Anfang an hat das Schnabel-Aufsperren bei angebotenem Futter perfekt funktioniert. Mit einer Pinzette bietet ihnen die Tierärztin Regenwürmer, Drohnenbrut, Mehlwürmer, Insektennahrung und Beeren an und achtet auf eine gerechte Verteilung unter allen vieren. „Die Nahrung hat mich in drei Wochen schon rund 80 Euro gekostet“, sagt Nicole Schmidt. Sie weiß, dass sie auf diesen Kosten sitzen bleiben wird.
Selbst wenn das Nest samt Vogelkindern von einem Baum gefallen wäre, hätte der Finder es besser wieder dorthin zurückgesetzt und erst einmal beobachtet, ob die Eltern weiter füttern, sagt sie. Nicht jeder Jungvogel sei unversorgt und gehöre in Menschenhand. „Solange es sich um sogenannte Ästlinge handelt, werden die von ihren Eltern für die Dauer von zehn bis zwölf Tagen außerhalb des Nestes versorgt.“
Heute oder morgen sollen die jungen Wacholderdrosseln in eine große Voliere im Garten gesetzt und dort weiter gefüttert werden. „Das machen wir noch ein paar Tage.“ Danach wird die Tür zur Voliere offen bleiben, und die Drosseln werden weiterhin freiwillig an den „gedeckten Tisch“ zurückkehren. Zumindest noch ein paar Tage lang. „Und dann sind sie plötzlich verschwunden.“ Dass die vier Geschwister beisammen bleiben, hält Schmidt für unwahrscheinlich.
Ziemlich wackelig wirken dagegen die drei winzigen Mauersegler, die vor wenigen Tagen ebenfalls in der Praxis gelandet sind. Einer davon wurde in der Marktstraße gefunden, die anderen beiden stammen von befreundeten Tierärztinnen in Frankfurt. Wegen der übergroßen Hitze der vergangenen Woche sind wohl alle drei aus ihren hoch oben angebrachten und überhitzten Nestern gesprungen, obwohl sie noch längst nicht fliegen konnten. Wegen dieses Phänomens musste die Mauerseglerklinik in Frankfurt bereits einen Aufnahmestopp verhängen. In den vergangenen Wochen wurden dort weit über 200 der schwarz gefiederten Winzlinge abgegeben.
Nicht nur, weil der Mauersegler als „Akrobat der Lüfte“ besonders geschützt ist und der Gießener Stadtrat Thomas Rausch kürzlich zu ihrem Schutz aufgerufen hat (der Anzeiger berichtete), werden die drei Federknäuel von Nicole Schmidt liebevoll aufgepäppelt. Die zwei Größeren will sie in Kürze freisetzen, denn Ende Juli/Anfang August ziehen die Flugkünstler, die fast ihr ganzes Leben in der Luft verbringen, nach Afrika oder Fuerteventura. „Die muss ich bloß hochwerfen und schon sind sie weg“, sagt die Tierärztin. Mauersegler brauchen keine Flugpraxis. „Das ist genetisch verankert. Die kommen auch wieder zu diesem Standort zurück.“
Vor diesem Hintergrund sei es richtig gewesen, dass der in der Heuchelheimer Marktstraße aufgelesene und die beiden in Frankfurt gefundenen Winzlinge zu Tierärzten gebracht wurden. Gleiches ist geboten, wenn ein fast federloser Jungvogel gerettet werden muss. Doch bei „Ästlingen“ wie den vier Wacholderdrosseln, die normalerweise auf Ästen sitzen und von ihren Eltern gefüttert werden, sei eine - noch dazu anonyme - Abgabe als Fundtier nur die zweitbeste Lösung.