Schriftsteller Utz Rachowski, der wegen staatsfeindlicher Hetze in der Ex-DDR im Gefängnis war, zum Projekttag Überwachungsstaat eingeladen
(cr). Utz Rachowski beeindruckten die Präsentationen anlässlich des Projekttages der Adolf-Reichwein-Schule zu den Themen Überwachungsstaat, Deutsche Demokratische Republik und Ministerium für Staatssicherheit (kurz MfS; umgangssprachlich Stasi). 120 Schüler des zehnten Jahrgangs bearbeiteten Originalakten, in denen Jugendliche in das Visier des Ministeriums für Staatssicherheit geraten waren.
Birgit Schulz von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sowie Andreas Schiller und Gudrun Krauß von der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) hatten dieses Arbeitsmaterial mit nach Watzenborn-Steinberg gebracht, um den Schülern die Arbeitsweise des innenpolitischen Repressionsinstruments Stasi im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat näher zu bringen.
Als Quelle dienten drei unterschiedliche Fälle. Die erste Akte beinhaltete alle Schritte von der Kontaktaufnahme über die Werbung der 17-jährigen Shenja im Jahr 1981 für die Staatssicherheit bis hin zu deren Berichten als inoffizielle Mitarbeiterin (IM). Als zweites Beispiel diente der Fluchtversuch zweier 15-jähriger Schüler über die innerdeutsche Grenze im Dezember 1979. Hierbei wurde einer der zwei Flüchtlinge mit 51 Schüssen niedergestreckt. Den größten Teil des Aktenauszugs nehmen die Schriftstücke über jene Maßnahmen ein, mit denen das MfS verhindern wollte, dass die Umstände seines Todes seinen Familienangehörigen und der Öffentlichkeit bekannt wurden.
Die dritte Akte beschäftigte sich mit drei Jugendlichen, die sich mit Losungen gegen Gleichmut und Anpassung in der DDR auflehnten. Die Polizei entdeckte in den folgenden Nächten Parolen, zumeist pazifistischen Inhalts, in der Rostocker Innenstadt. Eine Teilnehmerin wurde zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Die anderen beiden "Täter" kamen mit einer Bewährungsstrafe davon.
Bei den Pohlheimer Schülern spielte in allen drei Fällen immer wieder das Wort "Angst" eine große Rolle. "Täter" wurden unter großen Druck gesetzt, so dass sie häufig keine andere Chance sahen, als für die Staatssicherheit zu arbeiten.
Als Zeitzeuge konnte Utz Rachowski gewonnen werden. Der bekannte deutsche Schriftsteller wurde 1954 in Plauen/Vogtland geboren. Er geriet 1968 in der Erweiterten Oberschule der DDR in erste Konflikte mit der Staatssicherheit. Einmal im Jahr nehme er an einer solchen Veranstaltungsreihe teil, um aus seinem Leben zu erzählen, berichtete Rachowski. Es gebe noch genügend Diktaturen auf dieser Welt, in denen Menschen einfach weggesperrt werden. "Es hat aber noch nie etwas gebracht, Personen einfach zu inhaftie-ren", stellte der 56-Jährige klar. Bei seinem Schulwechsel 1968 sei ihm die militärische Erziehung negativ aufgefallen. Auch 100 Jahre Menschheitsgeschichte anhand des kommunistischen Manifests festzumachen, führten bei ihm zu Langeweile. 1971 gründete Rachowski einen Literatur- und Philosophieclub. Die "staatsfeindliche Gruppenbildung" flog jedoch auf und er wurde von der Oberschule verwiesen und aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ausgeschlossen. Rachowski absolvierte eine Lehre als Elektromonteur und verrichtete anschließend seinen Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee. Sein Vorgesetzter schrieb ihm eine vorbildliche Beurteilung, so dass er 1977 sein Abitur machte mit dem Medizinstudium begann. 1979 wurde er wegen Verbreitung eigener Gedichte sowie der Literatur von Jürgen Fuchs, Reiner Kunze, Wolf Biermann, Gerulf Pannach und dem damit verbundenen Vorwurf "staatsfeindlicher Hetze" zu 27 Monaten Haft verurteilt.
Nach der Intervention von Reiner Kunze und Amnesty International wurde Rachowski 1980 in die Bundesrepublik entlassen. Hier verbrachte er auch einen Tag im Aufnahmelager in Gießen. Rachowski studierte Kunstgeschichte und Philosophie. Seit acht Jahren ist er als Bürgerberater für Stasi-Opfer aktiv.
In einer Fragerunde zeigten die Schüler besonders Interesse an der Umstellung seines Lebens nach der Haftentlassung im westdeutschen Exil. Eigentlich habe er in der DDR bleiben wollen, um den Staat zu reformieren, gestand der Schriftsteller. Die Anfangszeit in der Bundesrepublik sei wie Urlaub gewesen. Er habe jedoch niemanden in seinem Alter gefunden, mit dem er über seine Erfahrungen hätte reden können. Ein Großteil der westdeutschen Studenten glaubte, dass der Sozialismus das bessere System ist. "Meine Erlebnisse haben nicht in deren ideologisches Bild gepasst", schloss Rachowski unter großem Beifall seinen Vortrag.