Fleischig-makabre Horrorshow zu später Stunde
19.11.2011 - GIESSEN
„Nachtschattengewächs“ im TiL-Studio diesmal mit „The Zombie in me“
(uhg). So richtig herumgesprochen hat es sich wohl noch nicht, dass das Stadttheater Gießen mit dem „Nachtschattengewächs“ eine eigene „Late Night“ entwickelt hat. Dabei war jetzt im TiL bereits die dritte Ausgabe zu erleben, diesmal unter dem Titel „The Zombie in me“. Für Vegetarier und zartbesaitete Gemüter war diese Show allerdings nur bedingt geeignet.
Zu erleben gab es herausragende Schauspieler, liebevolle (wenn auch teils gruslige) Regieeinfälle und Lyrik der modernen Klassik in einem außergewöhnlichen Rahmen. Gedichte, Musik, manchmal auch ein wenig Choreographie stehen im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe, die von Regieassistentin Suse Pfister am Ende der letzten Saison ins Leben gerufen wurde. Jedes Mal erwartet das Publikum eine Überraschung.
Im Vordergrund der Bühne steht ein Tisch: Auf einer Herdplatte köchelt eine nicht eben appetitlich riechende Flüssigkeit vor sich hin. Daneben Rotweingläser, das Tischtuch weist rote Flecken auf. Im Hintergrund sitzt Schauspieler Roman Kurtz im Rollstuhl, kein lustiger Anblick. Außen herum sind Liegestühle und Sonnenschirme drapiert, eine junge Frau (Alina Bauer) spielt Geige, Regisseur Milan Pesl begleitet sie auf der Gitarre. Beide Instrumente sind elektronisch verstärkt, dies ermöglicht zwischendurch auch laute und grelle Töne. „Are we dead?“, die Worte sind auf zwei Fernsehern und zudem als Projektion auf einer großen Flügeltür zu lesen. Die Tür geht auf, zwei junge Frauen kommen herein.
Melanie Schumann (Produktionsassistentin im TiL) bringt ein großes Stück rohes Fleisch und ein Schlachtermesser mit in den Raum. Sie zerstückelt das Fleisch und wirft es in die danach noch übler riechende Brühe. Die Schauspielerin Ana Kerecovic greift sich einen der vielen Papierbögen, die verstreut auf dem Boden liegen. Einen gibt sie an Kurz weiter. Die Gedichtrezitation beginnt, mal per Lautsprecher verzerrt, mal laut, mal leise. Und wer viel moderne Lyrik liest, kennt diese Textstellen von Charles Bukowski, Gottfried Benn und William S. Burroughs. Im Hintergrund laufen auf den Fernsehern Ausschnitte aus Zombie-Filmen von George Romero, dem Vater des modernen Horrorfilms.
Überall begegnen einem die zum Leben erweckten Toten, in der Musik, in der Literatur und nicht zuletzt im Film. Makaber ist auch das Ende der Bühnen-Collage. Die Protagonisten versammeln sich um den Tisch und füttern sich gegenseitig mit dem leckeren Süppchen. „Guten Appetit“, ruft Milan Pesl, dann folgt kräftiger Applaus vom Publikum.
Bedauerlich nur, dass dieses „Nachtschattengewächs“ nur einmal blühen darf. Die Protagonisten haben so viel Fantasie hineingesteckt und wirklich herausragende Leistungen in dieser Spartenübergreifenden kleinen Horrorshow bewiesen.