Von Christian Lademann
„Es werde Licht, sprach der Boss, und es ward sofort hell“. Mit dem Spaß daran, mit Allüren eitler Showstars zu spielen, betrat Punkrocker Bela B. am die Bühne in der Gießener Messehalle 4. Der selbsternannte Graf Rockula und „Human Boss“ durchbrach die weiße Silhouetten-Wand und schritt kühnen Ganges seinen neuen Song „Rockula“ schmetternd eine große Showtreppe herab.
Was folgte, war eine zweistündige mitreißende Show, bei der der als Mitglied der Punkband „Die Ärzte“ bekannte Berliner, mit bürgerlichem Namen Dirk Felsenheimer, seinen zweiten Solo-Streich „Code B“ präsentierte.
Die Liedzeile „Bingo – Bela – Superstar“ verkündete aber auch, dass sein Solo-Debüt „Bingo“ (2006) längst nicht vergessen ist und die selbstbewusste und gespielt übertriebene Selbstinszenierung fortgeführt wird.
Entsprechend strahlte das Outfit – Geltolle, Streifenanzug, Lackschuhe – eine glamouröse Eleganz aus, die von einem gewissen bohèmischen Retro-Chic geprägt ist. Letzteres, gepaart mit Belas von den Ärzten her bekannten tiefen, sonoren Stimme und seinem Hang zu einer düster-witzigen Vampir-Romantik („Rockula“, „Der Vampir mit dem Colt“), gab dem ganzen Auftritt eine morbide-komische Grundstimmung. Schließlich ist Belas eigene Musik nicht alleinig auf den Punkrock gefußt, sondern bringt mit Western-, Tex-Mex-, Rockabilly- und Beat-Sounds die wohl wesentlichen Zutaten mit.
„Hallo Leute, der Herr B ist zurück“ begrüßte Bela B. zusammen mit seiner Band „Los Helmstedt“ im Opener seine rund 1300 Jünger im Saal und erschien gleich mehrmals auf der Bühne. Denn seine Mitmusiker agierten zunächst mit aufgesetzten Bela-Masken – eine Anlehnung an das Artwork seiner aktuellen Platte. Auch das im Song „Schwarz/Weiß“ beschriebene Aufheben des charakterlichen Dualismus spiegelte sich im Erscheinungsbild wider: Die Musiker trugen westernartige Anzüge in Schwarz-Weiß; selbst die Instrumente – Kontrabass, Gitarren – nehmen diese zwei Farben an.
Zwar wirken Belas neue „Code B“-Songs ein wenig sperriger, geradliniger und rockiger als die noch etwas aufgeweckteren „Bingo“-Pendants, doch die Live-Präsentation holte aus allen Stücken die nötige Würze heraus, die das Publikum zum pausenlosen Mitfeiern beflügelte.
Klar, dass die Fans bei der 60er-Soul-Pop-Reinkarnation „1. 2. 3. ...“ lautstark die Anmachversuche mitgrölen sollten. Dafür gelang Keyboarderin und Background-Sängerin Paule Klink, die oft als erotischer Vamp posierte, in „Liebe und Benzin“ der weibliche, englisch-sprachige Part nicht so überzeugend wie Polanski-Gattin Emmanuelle Seigner auf dem Album. Im Zusammenspiel mit Gitarrist Olsen Involtini, Bassist Holly Burnette, Schlagzeuger Danny Young und Gitarrist Garry Schmalzl, der zu „Traumfrau“ sein Trompetensolo blies, bildete sie aber eine kongeniale Einheit.
Als sich nach gut anderthalb Stunden Bela schon einmal verabschieden wollte, war klar, dass die Fans eine ausgedehnte Zugabenrunde einfordern mussten. Vor allem der flotte „Bobotanz“, eine politische Hymne auf die neue Linke, die so genannten Bobos (bourgeoise Bohemien), ließ die Halle zur Zappelbude mutieren.