Von Falschgeld, Jugendherbergen und Kriegsbegeisterung
05.03.2010 - GIESSEN
94. Band der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins vorgestellt - Spannende Einblicke in historische Zusammenhänge
(kjf). Mit 287 Seiten ist der 94. Band der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins (OHG) zwar nicht so opulent, wie seine beiden Vorgänger, der Inhalt ist aber wie gewohnt gewichtig. Im Uni-Hauptgebäude stellte das Redaktionsteam mit dem OHG-Vorsitzenden Dr. Michael Breitbach, Dr. Eva-Marie Felschow, Susanne Gerschlauer, Dagmar Klein und Manfred Blechschmidt die neue Publikation vor.
Schon der erste Beitrag von Scott Budzynski, der die Gießener Kongresshalle in den Fokus rückt, dürfte für die Diskussion um die Zukunft des Hauses von Bedeutung sein. Der schwedische Architekt Sven Markelius, einer der bedeutendsten Architekten der Moderne, hat es geschaffen und somit in Gießen ein Bauwerk von hoher baugeschichtlicher Bedeutung hinterlassen.
Einem weiteren wichtigen Bauwerk in Gießen widmet sich Hans-Joachim Weymann. In den Jahren 1905 bis 1907 hat der Jugendstil-Architekt Josef Maria Olbrich im Gießener Alten Schloss eine Wohnung für Großherzog Ernst Ludwig geschaffen. Weymann erzählt die Baugeschichte und präsentiert eine Vielzahl von Fotos, Grundrissen und Fakten.
Die Geschichte des Theaters in Gießen bekommt durch Eckhard Ehlers einige neue Facetten. Der Professor für Dichtkunst und Beredsamkeit Christian Heinrich Schmid hatte sich in Gießen im 18. Jahrhundert bemüht, Theater in die Stadt zu bringen. Zwar scheiterte der Theaterenthusiast mit seinen Bemühungen, den Boden für die inzwischen reiche Theaterkultur Gießens bereitete er dennoch.
Freienseen und die Frösche macht Bernhard Diestelkamp zum Thema und untersucht die Legende, die den Bewohnern Freienseens den Spottnamen "Frääsch" eintrug. Der Tradion der Falschmünzerei, die so alt sein dürfte, wie die Münzprägung selbst hat sich Konrad Schneider angenommen. Münzfälschungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Hessen-Darmstadt untersucht er in seinem Beitrag.
Mit 18 Briefen Carl Vogts, die in der Gießener Universitätsbibliothek lagern, beschäftigt sich Bernd Bader. Mutgard und Hans-Jürgen Kuschke erinnern in ihrem gut bebilderten Beitrag an Dr. Wilhelm Flörke und die Geschichte der deutschen Jugendherbergsbewegung. Der Frage, wie kriegsbegeistert die Gießener im August 1914 wirklich waren, gehen Olaf Hartung und Angela Krüger in ihrem Beitrag "Gab es ein Augusterlebnis 1914 in Gießen?" nach.
Über die Doktorgradentziehungen an der Gießener Universität im Zusammenhang mit der Nazikerrschaft von 1933 bis 1945 schreibt Helmut Berding, der zu dem Thema bereits im November 2008 in Gießen einen Vortrag gehalten hat. Mit demselben Thema beschäftigte sich auch Peter Chroust, der in einer Stellungnahme der Kritik an seiner Monografie im Band 91 der Mitteilungen widerspricht.
Matthias Recke untersuchte die Kriegszerstörungen an der Bibliothek des Archäologischen Instituts in Gießen in der Bombennacht 1944. Manfred Blechschmidt beschreibt mit der archäologisch-geophysikalischen Prospektion eine moderne Technik der archäologischen Spurensuche, die ohne Grabungen und somit ohne Zerstörungen am Denkmal arbeitet. Dieter Steil schreibt in Ergänzung seines Aufsatzes "Zwischen Reformjudentum und Orthodoxie" über die Gottesdienstreform Dr. Benedikt Levis.
In den Miszellen beschäftigen sich Hans-Joachim Weimann mit dem Schmuck am Gießener Alten Schloss, Dagmar Klein mit den Engeln auf dem Alten Friedhof und Monika Graulich mit den "Stolpersteinen" zur Erinnerung an deportierte und ermordete Juden in Gießen.
Jürgen Leib schreibt über die Arbeit des Gleibergvereins, Susanne Gerschlauer über die "Fischbauchbrücke" in Treis und Mattias Recke über die Antikensammlung des archäologischen Instituts an der Justus-Liebig-Universität.
Rezensionen, Berichte aus dem Vereinsleben und eine Presseschau runden den Mitteiliungsband ab. In einem Nachruf erinnert zudem Prof. Erwin Knauß an das verstorbene Ehrenmitglied Heinrich August Henkel.
Vereinsmitglieder können sich ihren Band im Stadtarchiv im Rathaus am Berliner Platz abholen. Zu bekommen ist der Band 94 der Mitteilungen des OHG im Buchandel für 11,50 Euro. Auf der Homepage des Vereins, www.ohg-giessen.de gibt es mehr Informationen.