Choreographische und sprachtechnische Höchstleistungen
12.04.2010 - GIESSEN
Von Ursula Hahn-Grimm
Spannend, hochaktuell, mit schnellen Rhythmen und zum Lachen einladend: Für die neue Produktion des Jugendclubs „Spieltrieb“ des Stadttheater Gießen lassen sich genügend lobende Attribute finden. Die jugendliche Truppe präsentierte sich im TiL ganz im Zeichen ihres Namens „Spiel-Trieb“. Denn unter orgiastischem Stöhnen startete die Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes, bereits im Jahr 411 vor Christus geschrieben und doch so modern wie kaum ein anderer Bühnenstoff.
Krieg und Frieden, Geschlechterkampf und Liebe: Das ist auch heute der Stoff, der die Menschen bewegt. Richtig erkannt hatten das die Regisseure Gunnar Seidel und Dominik Breuer, sowie Bühnenbildner Thomas Döll und die Tänzerin Morgane de Toef. Sie spornten die Jugendlichen mit ihrer Begeisterung zu sprachtechnischen und choreographischen Höchstleistungen an. Das Premierenpublikum jubelte und die jungen Akteure waren sichtbar glücklich über den Erfolg.
Mit „Glück“ hatte die Geschichte anfangs nichts zu tun. Athen und Sparta sind bereits seit 20 Jahren im Krieg verstrickt: Die gegnerischen Truppen stehen unversöhnlich gegenüber, Leidtragende sind auch die Frauen.
In dieser Lage beschließt Aristophanes´ Protagonistin Lysistrata, einfühlsam und kraftvoll dargestellt von Leonie Nagel, die Frauen aus Athen ebenso wie die Frauen aus Sparta zu einem Sex-Boykott aufzurufen. Gemeinsam ins Bett geht es erst wieder, wenn der Krieg beendet ist, so lautet die unmissverständliche Botschaft an die Männer. Gleichzeitig besetzen die Frauen die Akropolis und beschlagnahmen die Kriegskasse.
Die Männer sind erbost und versuchen die Frauen umzustimmen, herausragend hier Ali Can als Ratsherr in schlimmster Macho-Manier. Auch einigen Frauen behagt die Enthaltsamkeit nicht, besonders stark die Szene, in der Myrrhine (Marianna McAven) ihrem Mann in aufreizender Pose entgegentritt, nur um ihn anschließend wieder zurückzuweisen. Die Rolle des liebestollen Kinesias spielt glaubwürdig der junge Michael Adis.
Doch die „friedliche Revolte“ hat ihren Preis, das zeigten nicht nur die Szenen der Hauptdarsteller, sondern untermalten auch eindrucksvoll die antiken Sprechchöre im Hintergrund. Die jungen Akteure trugen die rhythmischen Texte fast wie Rapper-Songs vor, was nur die Rhythmik des antiken Versmaßes unterstrich. Modern und doch zeitlos waren auch die Kostüme gewählt: Kapuzenjacken, die an einen Boxkampf erinnerten, provozierende Dekolletés der jungen Frauen, die niemals den Geschlechterkampf vergessen ließen.
Dass der Geschlechterkrieg ein herausragendes Thema dieser antiken Komödie ist, erfuhren die
Besucher im TiL auch auf persönliche Weise. Keine Chance gab es für Paare, zusammen zu sitzen: Männer und Frauen wurden vom Platzanweiser des Jugendclubs auf zwei verschiedene Seiten geschickt. Und so kam denn auch der Applaus am Ende doppelt, einmal von der Frauen- und einmal von der Männerseite.
Weitere Aufführungen am 24. April und am 13. Mai.