Originelles Ballettereignis
27.05.2010 - GIESSEN
(hsc). Wie die anderen Abende im Theaterstudio im Löbershof (Til) beim Festival „TanzArt ostwest“ war auch „Til 3“ ein zwar marathonlanges, dafür aber intensives und originelles Ballettereignis. Hier kamen auch die Choreografien von Mitgliedern der Gießener Compagnie zur Geltung.
Man vergisst das leicht: Was man zu Recht meist als Ensemble, als Einheit wahrnimmt, besteht aus Individuen mit klaren eigenen choreografischen Einfällen und Ansprüchen. So beleuchtet Keith Chins „A family thing (Part 1) mit vier Mitgliedern der Tanzcompagnie Gießen (TCG) heiter, dramatisch und mit unverhoffter Dramatik und famosem Finale Strukturen der Standardfamilie mit zwei Kindern. Antonia Heß (Choreografie mit Christian Fries, auch TCG) zeigt mit minimaler Körpersprache „Antonia verliert ihr Taschentuch“ eine überzeugende „Arbeitsreise in Grenzgebiete zwischen Tanz und Nichttanz“. Nur die Textbeigaben fielen zu üppig aus. Das gilt in geringerem Maß auch für Svende Obrockis „Angeklebt und wurzelfrei“, die inhaltliche Annäherung an den Boden, auf dem wir leben und kleben. Obrocki bestätigt einmal mehr ihre Fähigkeiten als Choreografin explosiver, seriöser Expressivität.
Einen famosen Auftakt legte zunächst jedoch die Spanierin Roser López Espinoza hin. Wie sie in zumeist absoluter Stille immer genauer ins Detail ihres Körpers geht und ihn gleichsam neu erfindet, ist von enormer Intensität.
Völlig losgelöst von Erwartungen und Konventionen zeigte das Ballett Eisenach mit Sven Gettkants „Über den Berg“ eine ungeniert heitere, jodeluntermalte Dreieckschoreografie mit selbstironischen Momenten.
Davon hatten auch die „Paradeiser Productions“ mit „Paradeiser“ einiges im Gepäck. Die Collage aus Videoverdoppelungen des Quartetts (Regie Ruth Schultz, Choreografie Malda Denana) punktete mit originellen Figuren und interessantem Sound. Insgesamt ein starker, überzeugender Abend.