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Kultur 

Nichtansichten und andere Geheimnisse: Ausstellung des Konzepttkünstlers Trevor Paglen

29.05.2010 - GIESSEN

Von Heiner Schultz


„A compendium of secrets“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle, und was der junge amerikanische Konzeptkünstler Trevor Paglen da zeigt - überwiegend schöne, praktisch abstrakte Ansichten - ist tatsächlich eine Sammlung geheimer Bilder, ein „Leitfaden“ verbotener Ansichten. Der wirft sanft, aber bestimmt Fragen auf, nach seinen Gegenständen nämlich. Bei der Eröffnung am Sonntag um 10 Uhr 30 gibt Paglen einige Antworten.

Trevor Paglen, 1974 geboren in Oakland und teilweise aufgewachsen in Wiesbaden (sein Vater diente in der Air Force), ist nicht nur ein international erfolgreicher Konzeptkünstler, sondern auch promovierter Geograf. Er erwarb von 1993 bis 1996 an der Universität von Berkeley den Bachelor in Religionswissenschaften und schloss 2002 an der School of the Art Institute of Chicago (Nebenfach musikalische Komposition) mit dem Master in Kunst und Technik ab. Abschließend studierte er 2002 bis 2008 in Berkeley und schloss mit dem Doktor in Geografie ab. Paglens Liste renommierter Ausstellungen seither ist beeindruckend, er ist auch öfters in Europa vertreten. Der Künstler lebt und arbeitet in Kalifornien, obgleich er sich da nicht mehr wohlfühlt: „Kalifornien ist ein Saustall,“ sagt er.

Allerdings kein weißer Fleck auf der Landkarte. Solche fielen dem Geografen beim Studium auf, und er begann, diese Lücken zu erforschen. „In seinen Arbeiten thematisiert Paglen politische Phänomene, die strengster Geheimhaltung unterliegen“, erklärt Kuratorin Dr. Ute Riese den subversiven Aspekt seiner Arbeit. Dazu machte Paglen sich sehr erfolgreich ein internationales Amateurnetzwerk von Astronomen und Computerfachleuten zu Nutze, die Satelliten verfolgen und beobachten. Er erarbeitete mit einigen Spezialisten eine Software, die den geheimen Satellitenverkehr erfasst und dessen Abläufe vorhersagen kann. Paglen: „Ich betrachte Forschungsergebnisse genauso als künstlerisches Material wie herkömmliches.

Geheimanlagen

„Wenn Sie dann einen Datenübermittlungssatelliten permanent über Somalia stehen haben, können Sie sich denken, welchen militärischen Zweck er erfüllt“, sagt Paglen. Zudem fotografierte er mit Hilfe astronomischer Optik geheime Anlagen, zum Teil aus fast 30 Kilometer Abstand. Die sind dann natürlich unscharf, aber die Bildinformation ist real. Genau wie die geheimen Areale des Gießener US-Depots (GI-Slang: „We’re guarding the nukes.“) Dieser Kontrast zwischen echter Abbildung und echten Daten sowie der Tatsache, dass man auf den Bildern nichts konkret erkennen kann, ist die Spannungsquelle der Arbeit des Amerikaners. Es ist zugleich erklärte künstlerische Absicht und „Metapher für das Verschwindende und Verschwimmende“ (Riese). Nicht alles ist aber verschwommen. Die von Paglen gesammelten Abzeichen diverser geheimer, ja unaussprechlicher Einheiten Programme und Verbände sind zwar konkret, greifbar, enthüllen aber nichts über ihren Träger; manche tragen raunende Sinnsprüche wie „A lifetime of silence“.

Fast poetische, genau wie die Namen von Operationen, die Paglen auf einem Bildschirm wie einen Filmabspann laufen lässt und die wirken wie die Namen von Popgruppen: „Digital Storm“, „Delta Miner“ oder „Desperado“ - da liefen gerade die mit „D“ durch. Der visuelle Stil erinnert an alte Zeichensprachen und Geheimbünde und wirkt selbst verschwörerisch.

Natürlich basiert das inhaltlich auch auf der legendären geheimen „Area 51“ und der amerikanischen Tradition, der Regierung wo immer möglich auf die Finger zu schauen. „Natürlich“, nickt Paglen. Widersprüche reizen ihn eben, zum Beispiel der: “Man macht sich eine unglaubliche Menge Arbeit, um eine Fotografie von Nichts zu schaffen.“ Die Schau allerdings wirkt auf rätselhafte Art sehr anregend.

*

Noch bis zum 22. August in der Kunsthalle Gießen. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag, 10 Uhr 30 bis 17 Uhr.

Der junge amerikanische Konzeptkünstler Trevor Paglen  	Foto: Schultz

Der junge amerikanische Konzeptkünstler Trevor Paglen Foto: SchultzVergrößern

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