Musiker mit reichlich Energie im Leib
09.09.2010
„Ska-Allüren“ und „Kaso Perdido“ verströmen im Café Amelie jede Menge Spaß - Waghalsige Tanzfiguren
GIESSEN (hsc). Man kommt kaum zur Türe rein, so stark ist der gefühlte Druck im Café Amelie am Dienstagabend. Kein Wunder, die acht Musiker der „Ska-Allüren“ aus Darmstadt geben alles, und sie haben nicht nur jede Menge Instrumente dabei, sondern reichlich Energie im Leib. Da bleibt kaum jemand ruhig. Und später werden noch die Spanier von „Kaso Perdido“ kommen. Irgendwie geht’s gegen Atomkraft, vor allem aber geht’s um Ska-Punk, um Spaß an der Musik.
Den verströmen sie geradezu: Simon Enders (Trompete), Henriette Lewek (Saxofon), Tobias Wolf (Posaune), Simon Stein (Gesang), Nika Brandmeyer (Orgel, Gesang), Matthias Zemke (Bass), Mathias Weber (Gitarre) und Christian Hendamm (Schlagzeug) liefern eine knackige, fetzige und sehr geschlossene Punk-Ska-Darbietung, die von Anfang an in einem Rutsch abgeht. Dabei sind die Bläser der dominante Spaßfaktor. Mit ihrem natürlichen Klang (zum Glück sind sie nicht überflüssigerweise verstärkt) schaffen sie sofort einen musikalischen Genuss. Der wird vom hauptsächlich energiebetonten Gesang begleitet. Man versteht zwar nix, aber gut: „Macht nichts“, sagt Stein, „es sind hauptsächlich gesellschaftskritische Texte.“ Die Band besteht im wesentlichen schon seit 2004, naturgemäß gab es einige Wechsel, so wie in Gießen sind sie aber schon ein Jahr zusammen. Und gut drauf, merkt man auch in den Pausen zwischen den Stücken. „Kommt da noch so’ne Standardansage?“, fragt Gitarrist Weber einmal, und irgendwer antwortet: „Heut net, versau du’s.“ Oder Stein sagt ganz ernst: „Das nächste Stück ist wieder schneller.“ Dabei rauschen alle ihre Stücke im D-Zugtempo in die Zuhörerohren. Schön, dass die „Allüren“ in ihren Stücken eine erhebliche Vielfalt an Spielweisen, Rhythmen und Arrangements zu bieten haben; drei Covers sind auch dabei. Langeweile kommt so nicht auf. Auffällig ist insgesamt die schier unbändige Spielfreude, die sich direkt aufs Publikum überträgt und dazu führt, dass die Musiker ihren minimalen Stehplatz zu waghalsigen Tanzfiguren nutzen. Hinterher muss man erst mal durchatmen.
Explosive Bühnenpräsenz
Im zweiten Teil übernehmen „Kaso Perdido“ aus Tarragona die Bühne. Auch sie erinnern mit ihrer explosiven Bühnenpräsenz an die fabelhaften, überschnappenden Acts der Franzosen von „Les yeux d’la tête“ oder „As de trefle“. Das Quartett holt die Bläser aus dem Synthie. Mayo, Paw (Keyboard), Bilbo (Schlagzeug), (Gesang, Gitarre) und Alon (Bass) stehen ebenso unter Strom wie ihre Vorgänger, gehen ähnlich aus sich heraus und erzeugen einen ebenso großen Bewegungsdrang wie die Darmstädter. Nur dass die jetzt ihrem Tanzwunsch eben freien Lauf lassen können und sich die Tanzfläche weiträumig füllt - man tanzt auch Pogo.
„Kaso“ sind weniger abwechslungsreich, fügen dafür jedoch, abgesehen vom leidenschaftlichen Gesang, unverkennbar spanisch klingende Elemente ein. Ein höchst bewegter und ebenso heiterer Abend also; es wird spät.