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Gießener Anzeiger

Lokales 

Jung, sportlich und von den Nazis verfolgt

06.08.2009

Ausstellung "Vergessene Rekorde" erinnert an drei jüdische Spitzensportlerinnen

Albert MehlBERLIN/GIESSEN. Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin: Hochspringerin Ariane Friedrich wird kurz vor dem Beginn der WM am 15. August aus dem deutschen Aufgebot gestrichen. Ihre Leistung sei nicht ausreichend, heißt es. Die Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf ist vor wenigen Wochen wegen Repressalien in Deutschland gegen ihre Familie nach Südafrika ausgewandert. Die vormals erfolgreiche Sabine Braun darf nur noch eingeschränkt für einen kleinen Kreis von Schülerinnen Sportstunden geben. Nicht möglich? 2009 vielleicht nicht. Das Szenario mit den drei deutschen Leichtathletinnen ist komplett erfunden. 1936 bei den Olympischen Spielen in Deutschland war das Realität. Darauf weist die Ausstellung "Vergessene Rekorde" im Centrum Judaicum in Berlin hin.

Die Ausstellung im Repräsentantensaal der Neuen Synagoge in Berlin ist Teil des Kulturprogramms der Leichtathletik-WM vom 15. bis 28. August an der Spree. Und sie präsentiert am Beispiel von Gretel Bergmann, Martha Jacob und Lilly Henoch die Situation jüdischer Leichtathletinnen vor und nach 1933. Gretel Bergmann wurde - als Medaillenkandidatin im Hochsprung - kurz vor den Olympischen von den Nazis ausgebootet. Martha Jacob hielt sich nach 1933 meist im Ausland auf und war im Olympiajahr nach Südafrika ausgewandert. Lilly Henoch durfte 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nur noch an einer jüdischen Volksschule unterrichten. Und wurde 1942 mit ihrer Mutter in Riga ermordet.

Aufschwung in 20er JahrenDie Ausstellung mit 18 Tafeln und zahlreichen Vitrinen mit Sportgeräten aus dieser Zeit beschreibt aber nicht nur die Lebensläufe der drei jüdischen Sportlerinnen. Zusammen mit dem von Berno Bahro, Jutta Braun und Hans Joachim Teichler herausgegebenen Begleitbuch zeigt sie noch mehr auf. Beispielsweise, dass in der Weimarer Republik jüdische Sportler für einen Aufschwung des deutschen Sports sorgten (genauso wie es weibliche Athleten taten). "Die Mitgliedschaft eröffnete die Chance der gesellschaftlichen Integration. Als Sportler erfuhren sie die Wirksamkeit des Gleichheitsprinzips wie in keinem anderen Kulturbereich", beschreibt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, in seinem Vorwort die zahlreichen Beitritte jüdischer Mitbürger in Sportvereine.

Die Historikerin Jutta Braun zeigt auf, dass der Aufschwung der Frauen-Leichtathletik ab 1919 immens war und sich längst nicht auf die nationale Ebene beschränkte. Und so war auch das glänzende Abschneiden deutscher Sportlerinnen bei den Olympischen Spielen in Berlin mit zwei Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen längst kein Erfolg nationalsozialistischer Sportpolitik, sondern das Resultat verstärkten weiblichen Engagements im Sport vor 1933. Dafür geben Lilly Henoch, Martha Jacob und Gretel Bergmann gute Beispiele ab, mit ihnen aber auch noch viele andere jüdische Sportlerinnen.

Nur bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin war davon nicht viel zu spüren. Auf den vielfachen Protest aus dem Ausland, darunter auch in den USA, als sogar mit Boykott gedroht wurde, reagierten die Nazis taktisch. Sie nominierten (neben dem Eishockeyspieler Rudi Ball) die im Ausland lebende "Halbjüdin" Helene Mayer, Fecht-Olympiasiegerin von 1928, sowie die "Volljüdin" Bergmann, die wie erwähnt kurz vor Beginn der Spiele ausgebootet wurde. Helene Mayer startete als von der NS-Führung instrumentalisierte "Alibi-Jüdin" und erfocht eine Silbermedaille. Sie entbot bei der Siegerehrung sogar den "deutschen Gruß".

Spätes ErinnernFast alle jüdischen Sportler hatten schon nach 1933 die deutschen Vereine verlassen müssen, wobei etliche Vereine und Verbände, vor allem die Deutsche Turnerschaft, in vorauseilendem Gehorsam und ohne Vorgaben der NS-Sportführung ihre jüdischen Mitglieder ausschlossen. Das führte zu einem Anstieg der Auswanderungen, aber auch zu einer Stärkung des jüdischen Sports, dessen Vereine sich entweder zionistisch (Makkabi), deutschpatriotisch (Schild/Reichsbund jüdischer Frontsoldaten) oder neutral (Vintus) orientierten. Makkabi und Schild verdoppelten die Zahl ihrer Mitglieder.

Mit Rücksicht auf die Spiele von 1936 wurde dieser Sportbetrieb - allerdings unter erheblichen Schikanen - geduldet. So konnten sich viele Leistungen jüdischer Sportler weiter sehen lassen. Damit war es allerdings nach dem Ende der Olympischen Spiele vorbei. Die Judenverfolgung nahm zu. Mit dem Terror der Pogromnacht des 9./10. November 1938 war auch das Ende des jüdischen Sports in Deutschland gekommen.

Erst spät, Ende der 1980er Jahre beginnt die Erinnerung. Vereinzelt setzt öffentlich sichtbares Gedenken ein, wobei Sportorganisationen meist noch später reagieren. Der Berliner Sport-Club erinnert erst seit 2004 an Lilly Henoch, der SC Charlottenburg (der sich offensichtlich sehr schwer tut mit der Aufarbeitung) erst seit 2006 an Martha Jacob. Das bundesdeutsche NOK lädt Gretel Bergmann 1996 als Ehrengast zu den Olympischen Spielen in Atlanta ein. Auf Initiative des TSV Laupheim erhält sie den Georg-von-Opel-Preis als "Unvergessene Meisterin" und reist 1999 erstmals wieder nach Deutschland.



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Die Ausstellung "Vergessene Rekorde" ist bis zum 23. August im Centrum Judaicum in Berlin (Oranienburger Straße 28 - 30)geöffnet, Sonntag und Montag von 10 bis 20 Uhr, Dienstag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr sowie Freitag von 10 bis 17 Uhr.

Der Begleitband von Berno Bahro, Jutta Braun und Hans Joachim Teichler als Herausgebern ist im Verlag für Berlin-Brandenburg erschienen und kostet 16,90 Euro.


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