Sintezza Anna Mettbach aus Gießen erlebt als 16-Jährige Schrecken der NS-Rassenpolitik
02.08.2011
Von Heidrun Helwig
GIESSEN. An diesem heißen Sommertag war der Ablauf anders als sonst. Die Lastwagen rollten nicht direkt ins Lager, sondern blieben vor dem Tor stehen. Dahinter mussten die Kinder, Frauen und Männer antreten. Dann wurde selektiert. „Zu Beginn war es keinem recht klar, was die vorhatten“, berichtet Anna Mettbach. Doch bald war deutlich zu erkennen: Auf die Ladefläche wurden diesmal die arbeitsfähigen Häftlinge verfrachtet. Die Alten und Schwachen mussten weiter ausharren. Ein untrügliches Zeichen, dass „Unheil bevorstand“. Die Lastwagen fuhren anschließend „zur Rampe“, an der bereits „der Viehzug“ wartete. Als der dann drei Tage später das Konzentrationslager Ravensbrück erreichte, war dort schon bekannt: „Alle Sinti und Roma, die zurückbleiben mussten, sind ermordet worden“. Denn das „Zigeunerlager“ in Auschwitz war am 2. August 1944 liquidiert und 2900 Menschen von den NS-Schergen in den Gaskammern umgebracht worden. Inzwischen gilt der 2. August als Internationaler Gedenktag an den Völkermord an den Sinti und Roma. Für die Gießenerin aber sind die Ereignisse jenes Tages stets präsent. „Das kann man nicht vergessen.“
Anna Mettbach ist eine schöne Frau. Klein, zierlich, mit wachen dunklen Augen. Die grauweißen Haare stets locker nach hinten gesteckt, schmeicheln zarte goldene Ohrringe mit türkisfarbenen Steinen ihrem Gesicht. Die gemusterte braune Bluse trägt die 85-Jährige hochgeschlossen und mit passender Weste. Ihr Äußeres ist ihr wichtig, obgleich Schmerzen in Rücken und Armen die morgendliche Routine zunehmend hinauszögern. Auch das Laufen fällt der alten Dame inzwischen schwer, das Atmen sowieso. Rund um die Uhr surrt das rollbare Sauerstoffgerät vor sich hin, trägt Anna Mettbach einen kleinen Schlauch an der Nase, der sich beim Laufen in der Wohnung immer wieder verheddert. Dennoch werkelt sie gleich nach der Begrüßung in der Küche, setzt Kaffee auf, stellt Kuchen bereit. „Bei uns Sinti ist es üblich, gastfreundlich zu sein“, betont sie mit leiser Stimme. Das hat ihr „die Mami“ von klein auf vorgelebt. Noch immer benutzt sie das gängige Kosewort für die Großmutter und erinnert sich sogleich an Neckereien aus der Kindheit. Dabei kichert sie hinter vorgehaltener Hand und versprüht geradezu jugendlichen Charme. Aber wenn Anna Mettbach Ungerechtigkeiten brandmarkt, von Respektlosigkeiten berichtet, werden ihre Stimme scharf und die Worte schneidend. Dann trotzt sie selbst der hinderlichen Atemhilfe. Denn Anna Mettbach ist es gewohnt zu kämpfen. Das musste sie ihr Leben lang. Als Jugendliche ums Überleben im Konzentrationslager, nach dem Krieg als verheiratete Frau um Entschädigung für die erlittenen NS-Verbrechen und im Alter als Zeitzeugin gegen das Vergessen und Verharmlosen. Richtig wütend macht die Auschwitz-Überlebende, dass es das seit Jahren geplante Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin noch immer nicht gibt, dass viele Deutsche weiterhin ganz ohne Scheu den diskriminierenden Begriff „Zigeuner“ verwenden und dass Antiziganismus - die rassistisch begründete Ablehnung von Sinti und Roma - bis heute gesellschaftsfähig ist. „Schade, dass ich nicht mehr kann“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich hätte noch so manches auf dem Herzen.“