Sintezza Anna Mettbach aus Gießen erlebt als 16-Jährige Schrecken der NS-Rassenpolitik
02.08.2011
Von Heidrun Helwig
Erfasst und vermessen
Im Gießener Stadtarchiv finden sich kaum Spuren seiner Familie oder anderer Sinti und Roma. Eine Deportationsliste - offenbar aus dem Jahr 1943 - umfasst ihre Namen, auf Steuerkarten sind einige wenige persönliche Daten vermerkt, die Adresse, mehr nicht. Allesamt versehen mit dem Zusatz „ZM“ für „Zigeunermischling“. Ein Hinweis darauf, dass wohl auch die Familie Mettbach „rassenbiologisch“ erfasst worden ist. 1936 schon wurde in Berlin die „Rassenhygienische Forschungsstelle“ unter Leitung von Dr. Robert Ritter gegründet. Ihn beauftragte „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler im Dezember 1938 damit, die Sinti und Roma im gesamten Reichsgebiet zu erfassen. Mit immensem Aufwand wurden die Kinder, Frauen und Männer von Kopf bis Fuß vermessen, fotografiert und samt aller Verwandtschaftsverhältnisse katalogisiert. Dabei entstanden nahezu 24 000 „Rassegutachten“, eine entscheidende Voraussetzung für Deportation und Ermordung. „Doch davon wollten die Deutschen nach dem Krieg nichts mehr wissen“, sagt Anna Mettbach. Das hat sie selbst viel zu oft schmerzlich erfahren müssen. Als sie nach Gießen kam und sich dort polizeilich anmeldete, wurde sie - natürlich - auch nach ihrem letzten Wohnort gefragt. Also hat sie angegeben: Dachau. Und vorher Wolkenburg, und davor Auschwitz. „Da hat der gelacht und gesagt: Jetzt übertreib‘ mal nicht. Noch haben wir kein Fasching.“ 1946 dann haben Anna Kreuz und Ignatz Mettbach geheiratet. „Dafür habe ich mir aus Futterstoff ein Kostüm genäht“, lächelt sie. Es hat ihr vortrefflich gestanden, denn das Hochzeitsbild hängt im Wohnzimmer über dem Sofa. Ein attraktives Paar, dem der Wunsch nach Kindern nicht erfüllt wurde. „Das hat der Hitler nicht gewollt“, sagt die 85-Jährige. Damit ist das Thema erledigt, denn Anna Mettbach spricht nicht über persönliche Dinge in der Öffentlichkeit.
„Wir Sinti haben unsere Tabus“, erläutert sie. Dazu gehört, über Familienplanung oder gar über Sexualität „nicht alles rauszuposaunen“. Auch deshalb haben viele Sinti und Roma nach dem Krieg nicht über das erfahrene Leid gesprochen und haben zudem vor allem die Erniedrigungen, die sie im Kampf um Entschädigung erleben mussten, nicht öffentlich angeprangert. Denn als „rassisch Verfolgte“ wurden die Überlebenden der NS-Verbrechen lange nicht anerkannt. Selbst der Bundesgerichtshof legte noch 1956 fest, dass erst der „Auschwitz-Erlass“ Himmlers aus dem Dezember 1942 die Verfolgung der „Zigeuner“ als Rasse begründet habe. Dass die zahlreichen ausgrenzenden Dekrete und Verordnungen davor als „Vorbeugungs- und Sicherungsmaßnahmen“ zu werten seien. Diese Auffassung wurde erst 1963 revidiert und festgestellt, dass seit 1938 „rassenpolitische Beweggründe mitursächlich“ für die Verfolgung gewesen seien. Doch das erlebten viele der NS-Opfer nicht mehr, sie waren zuvor verstorben. Bundeskanzler Helmut Schmidt schließlich erkannte am 17. Februar 1982 - und damit erst rund 37 Jahre nach Kriegsende - offiziell den Völkermord an den Sinti und Roma aus rassischen Gründen an. Auch für Anna Mettbach ein bedeutendes Datum. In all den Jahren zuvor hat sie „sehr oft“ mit ihrem Mann über die Verfolgung gesprochen. Während beide gemeinsam als Selbstständige unterwegs waren. „Man konnte nur mit Menschen darüber sprechen, die das auch erlebt haben.“ Andere wollten sich womöglich auch nicht mit diesen Verbrechen beschäftigen. Schließlich gilt der Mord an mehr als 500 000 Sinti und Roma nicht umsonst noch immer als der „vergessene Holocaust“. Ihr Mann hat ,„solange es ging“, mit Möbeln gehandelt, die alte Dame Textilien verkauft. „Ich bin noch mit 76 über Land gefahren“, sagt sie stolz. Selbst hinter dem Steuer. Auch dabei hat das Ehepaar Mettbach immer wieder Ausgrenzung und Ablehnung erlebt. „Einer hat mal aus dem Fenster gerufen: Ich habe im Krieg mein Bein verloren, warum hat der Hitler Euch nicht ins Gas getrieben“, erzählt sie und wieder wird die Stimme scharf. „Und wie oft wurde unser Familiengrab geschändet.“ Blumen herausgerissen, der Stein beschmiert und auch der Eichenstamm, auf dem ihr Mann die Namen seiner ermordeten Angehörigen hat einschnitzen lassen. Dennoch hat sie geschwiegen und nichts von ihrer Leidensgeschichte preisgegeben. Doch als dann 1993 in Mölln „wieder Menschen verbrannt wurden, war es meine Pflicht, vor jungen Menschen zu sprechen“. Viele Jahre hat sie danach als Zeitzeugin Schulen besucht, hat Vorträge an Universitäten und im 1997 gegründeten Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg gehalten und unermüdlich gewarnt vor Vorurteilen und Ausgrenzung. Auch ein Buch hat sie geschrieben. „Wer wird die nächste sein?“, mit Josef Behringer vom Landesverband Hessen deutscher Sinti und Roma. Inzwischen ist davon auch die zweite Auflage vergriffen. Damals hat die 85-Jährige die Gedenkstätte in Ravensbrück besucht, auch in Wolkenburg war sie. „Nach Auschwitz aber kann ich nicht gehen.“
Ihr öffentliches Auftreten wurde auch mit Schmähbriefen und Drohanrufen quittiert. Seitdem hat sie sich aus dem Telefonbuch streichen lassen und die eintätowierte Nummer verdeckt sie nun stets unter Kleidung. Vor einigen Jahren nämlich haben sie zwei Männer auf der Straße angepöbelt und gefragt, ob das ihre „Telefonnummer auf der Reeperbahn“ sei. Und selbst bei Aufenthalten im Krankenhaus „werde ich gefragt, was ich denn da habe“. Nach den passenden Antworten für diese Ignoranz musste Anna Mettbach nicht lange suchen. Denn sie ist nicht nur eine schöne, sondern auch eine stolze und resolute Frau. Gerade deshalb ist sie womöglich auch überzeugt: „Das wird nie aufhören.“ Und wer sollte ihr wenige Tage nach dem Brandanschlag auf ein Haus in Leverkusen, in dem Sinti und Roma lebten, ernsthaft widersprechen.
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