„In kleinen Häppchen wird gelesen“
13.12.2011 - GIESSEN
Henning Lobin vom Zentrum für Medien und Interaktivität über Veränderungen im digitalen Zeitalter
(fm). Von „atemberaubenden Veränderungen der Kulturtechniken des Lesens und Schreibens“ und den Ohnmachtsgefühlen von Lehrerinnen und Lehrern gegenüber dem lockeren Umgang vieler Jugendlicher mit den Neuen Medien sprach Barbara Jessen, stellvertretende Leiterin des Studienseminars für Gymnasien, bei einer medienpädagogischen Veranstaltung für Ausbilder, Lehrer im Vorbereitungsdienst sowie Lehrer und Mitarbeiter der Justus-Liebig-Universität (JLU).
Von Prof. Henning Lobin, dem geschäftsführenden Direktor des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der JLU, und seinem Referat „Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter“ erhofften sich die Teilnehmer Unterstützung „gegenüber den Umbrüchen in unserer Informationsgesellschaft“. An die Stelle von naiver Veränderungsresistenz und dem verbreiteten Kulturpessimismus müsse eine Haltung treten, „die sich konstruktiv-neugierig den neuen Anforderungen stellt“. Seminarleiter Wolfgang Schülting-Enkler hatte Lobin im Namen der Seminarteilnehmer um „Anregungen und Impulse“ für ihr Ausbildungsgeschäft gebeten.
Seit der Erfindung der Schrift und des Buchdrucks seien Lesen und Schreiben Teil der grundlegenden Kulturtechniken des Kommunizierens, betonte Lobin. Vor dem Siegeszug der Digitalisierung habe sich die Menschheit in der „Gutenberg-Galaxis“ bewegt. Doch 1936 habe der britische Mathematiker Alan Turing das Zeitalter der automatischen Datenverarbeitung eingeläutet, was kurz danach zu der Erfindung des Computers führte.
Mit Blick auf „die erste Generation, die nie etwas anderes gekannt hat“, die sogenannten „digital natives“, sagte Lobin: „Heute befinden wir uns erneut inmitten eines gewaltigen medien- und kulturtechnischen Umbruchs“. Digitalisierung, Computer und Internet veränderten nicht nur die Prozesse des Lesens und Schreibens. Davon betroffen seien auch sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Das Beispiel der New York Library mit ihren 20,5 Millionen Büchern und dem veränderten Aussehen der 650 Arbeitsplätze im Lesesaal lasse sich der Medienwandel mit Händen greifen. „Die heutige Welt ist von digitalen Techniken geprägt.“
Der vielleicht wichtigste Aspekt sei die automatisierte Verarbeitung von Daten, die programmgesteuerte Produktion oder Manipulation von Texten, Bildern, Tönen, Formeln, Tabellen oder Filmen. Dank der Digitalisierung sei es möglich, Daten unterschiedlicher Art in bislang nie gekanntem Ausmaß miteinander zu verknüpfen und zu „verschmelzen“.
Am Beispiel einiger Word-Zusatz-Programme (automatisierte Gliederung, Textzusammenfassung, Satz-Vervollständigung) und „ganz normaler Google-Funktionen“ wie Translator Toolkit, Google Docs, Ngram Viewer und Predictive Search als „Suche nach etwas, was noch gar nicht existiert“, machte Lobin „die Lebenswirklichkeit der jungen Leute“ deutlich.
Im digitalen Zeitalter werde das „konzentrierte Schreiben“ vielleicht auf der Strecke bleiben, sagte Lobin, der an der JLU als Einziger das Fach „Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik“ vertritt. „Dafür bieten Automatisierung, Multimodalität und Vernetzung des digitalisierten Schreibens der Wissensgesellschaft neue Möglichkeiten.“ Das Lesen in Büchern werde ab-, das Lesen an Bildschirmen zunehmen. „Es wird nicht weniger, aber es wird in kleinen Häppchen gelesen.“ Foto: Maywald