Eritrea-Festival: 36 Personen vor friedlich verlaufener Demo in Gewahrsam genommen
09.07.2012
GIESSEN (fod). Die Demonstration gegen das Eritrea-Kulturfestival in den Hessenhallen hatte am Samstag noch nicht einmal begonnen, da musste die Polizei bereits einschreiten. Eine Gruppe von bis zu 40 Personen war mit Reizstoff, Eiern und Stöcken auf dem Gelände erschienen, um die Veranstaltung zu stören. Es kam zu körperlichen Auseinandersetzungen beider Seiten, wobei es auch Verletzungen gab, berichtet die Polizei. Die rivalisierenden Teilnehmer mussten unter Einsatz von Pfefferspray und androhendem Zeigen des Teleskopschlagstockes getrennt werden.
36 Personen wurden nach kurzer Verfolgung in der Schlachthofstraße in Gewahrsam genommen und zur weiteren Überprüfung ins Präsidium in der Ferniestraße gebracht. Zwar sollte es im über vierstündigen Verlauf der zum Kirchenplatz und zurück führenden Demonstration mit laut Polizeiangaben rund 200 Teilnehmern friedlich bleiben. Und auch die spätere, nur halbstündige Kundgebung seitens der Festivalveranstalter verlief ohne Vorkommnisse. Doch sobald Vertreter beider Seiten einander erspähten, herrschte gleich eine angespannte Atmosphäre. So zum Beispiel als ein vorbeigehender Festivalbesucher den „Die Diktatur muss weg“ oder „Freiheit für Eritrea“ skandierenden Demonstrierenden etwas zurief und einige davon gleich in seine Richtung strömten, um aber sofort von der Polizei aufgehalten zu werden. Oder als auf der gesperrten Kreuzung vor der Galerie Neustädter Tor Demoteilnehmer einen Landsmann an der Ampel sahen, der sie mit einer Kamera filmte, was als Provokation aufgefasst wurde.
Die meisten der nach Absprache mit der Staatsanwaltschaft Gießen in einem Bus der Stadtwerke in die Ferniestraße gebrachten Personen, darunter vorwiegend Eritreer aus der Schweiz, wurden bis zum Samstagabend auf freien Fuß gesetzt. Bei anderen dauerten die Überprüfungen länger, weitere Ermittlungen laufen. Auf Seiten der Festivalveranstalter wurde von drei Verletzten berichtet, darunter ein „älterer Mann, der zusammengeschlagen wurde“, so Tsegay Feshaye. Der in Gießen lebende 36-jährige Eritreer sei ebenfalls angegriffen und am Bein verletzt worden, erzählte er. „Einer der Angreifer hat mir mit einem Stock kräftig auf die Wade geschlagen“, was er dann im Polizeipräsidium am Berliner Platz zu Protokoll gab.
Schlimme Schicksale
Beide Lager, Gegner und Getreue der Regierung in Eritrea, wo laut Amnesty International Regimekritiker inhaftiert und gefoltert werden und häufig ohne Spur verschwinden, scheinen sich unversöhnlich gegenüberzustehen. So gehörten zu den Demonstranten, die in dem bereits zum dritten Mal in Gießen stattgefundenen Festival eine Propagandaveranstaltung des Regimes sehen, auch Personen, die von schlimmen Schicksalen erzählten. Darunter der 22-jährige Samuel Tesfamariam aus Zürich, der berichtete, für seinen Schulabschluss dreieinhalb Jahre zum Militärdienst gezwungen worden zu sein, bevor ihm die Flucht durch die Sahara gelang. „Wer Fragen stellte, wurde sofort in ein unterirdisches Loch geworfen“, schilderte er. Haile Yaynishet, 34 Jahre alt, hingegen sei nach einer Demonstration an der Universität in ein Lager in der Wüste eingesperrt worden, ehe er über die Grenze flüchten konnte. „Daraufhin wurden meine Eltern verhaftet und mussten sich freikaufen.“
Von Festivalorganisatoren und wohl auch den meisten Besuchern werden solche Schilderungen als unwahr bezeichnet und die großen Fortschritte betont, die Eritrea in den vergangenen Jahren gemacht habe. So auch von Eritreas Botschafter in Deutschland, Petros Tseggai, der von Berlin nach Gießen gekommen war. „Dieses Festival dient als Zusammentreffen aller Eritreer in Deutschland und damit sie erfahren, was sich in ihrer Heimat verändert“, widersprach er Propaganda-Vorwürfen. Zudem sei der Vergleich Eritreas mit dem Naziregime in „zu einseitig“ berichtenden deutschen Medien „peinlich“ und „nicht demokratisch“. Demokratie aber wird von Kritikern in Eritrea neben vielem anderen vermisst, wie von Freweyni Habtemariam, Vize-Vorsitzende des oppositionellen Exil-Nationalrats, und dem Grünen Tom Koenigs, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Menschenrechte, in Reden deutlich gemacht wurde.