Mit „einer inneren Kraft, die faszinierend ist“, engagiert
10.08.2012
Ministerpräsident Volker Bouffier überreicht Bundesverdienstkreuz an Anna Mettbach
GIESSEN/WIESBADEN (hh). Und dann ist auch Anna Mettbach gerührt. Deshalb fällt ihr das Reden auch noch ein wenig schwerer als ohnehin schon. Ihre Dankesworte aber möchte sie auf jeden Fall noch loswerden. „Wir Sinti und Roma standen immer vor der Tür. Für uns wurde nie eine Tür aufgemacht“, stellt die zierliche grauhaarige Dame fest. Und fügt hinzu: „Doch Sie haben heute die Tür aufgemacht.“ Damit dankte sie Ministerpräsident Volker Bouffier für die Überreichung des Bundesverdienstkreuzes. Verliehen wiederum wurde die „Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ - so die offizielle Bezeichnung - von Bundespräsident Joachim Gauck.
„Ich hätte das nie erwartet“, freut sich Anna Mettbach im Brüder-Grimm-Zimmer in der hessischen Staatskanzlei. Schließlich hat sich nach 1945 kaum jemand für den Völkermord an den Sinti und Roma interessiert. Und jahrelang musste die Auschwitzüberlebende um eine Entschädigung für KZ-Haft und Zwangsarbeit kämpfen. Deshalb hat sie auch geschwiegen. Hat nur mit ihrem Mann Ignatz, der das Konzentrationslager Buchenwald überleben konnte, über die erlittenen Qualen und Erniedrigungen gesprochen. Doch dann haben die Brandanschläge im schleswig-holsteinischen Mölln im November 1992 die Sintezza veranlasst, über ihre unvorstellbare Leidensgeschichte zu sprechen. „Durch Ihre zahlreichen Gespräche mit jungen Menschen leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma während der Zeit des Nationalsozialismus. Sie tragen dazu bei, unsere Geschichte lebendig zu halten und Lehren für unsere Gegenwart und Zukunft zu ziehen“, würdigt Bouffier die 86-Jährige bei der Feierstunde in Wiesbaden.
Mit 16 Jahren war die Sintezza 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und von dort ins Lager Ravensbrück verschleppt worden. Anschließend musste sie im sächsischen Wolkenburg Zwangsarbeit bei Siemens leisten und wurde auf den „Todesmarsch“ nach Dachau geschickt. „Sie haben die dunkelsten Stunden miterlebt“, sagt der Ministerpräsident. Dennoch habe sie sich mit „einer inneren Kraft, die faszinierend ist“, als Zeitzeugin engagiert. Zudem hat die alte Dame im Vorstand des Landesverbandes Hessen der Sinti und Roma sowie an der Wanderausstellung „Hornhaut auf der Seele - Die Geschichte zur Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen“ mitgearbeitet. „Das Schicksal dieses Volkes, das sehr bunt ist, unterliegt Vorurteilen“, räumt Bouffier ein. „Sie tragen dazu bei, die Sinti und Roma besser zu verstehen.“ Schließlich leben rund 8000 von ihnen in Hessen und „gehören zu uns“, so der Ministerpräsident. Deshalb auch hatte er sich vor der feierlichen Verleihung mit Adam Strauß, dem Vorsitzenden des hessischen Landesverbandes, zu einem Gespräch über die Situation der Sinti und Roma getroffen.
Für Anna Mettbach steht nun schon bald eine weitere Auszeichnung bevor: Am 28. August nämlich wird der 86-Jährigen als erster Sintezza überhaupt die Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen verliehen.