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„Wie Vieh, aber ohne Stroh“ in Waggons gezwängt

04.10.2012 - GIESSEN

Wanderausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt“ an Max-Weber-Schule eröffnet

(fod). „Mein Vater hielt mich hoch an das kleine Fenster, und zum letzten Mal sah ich unsere Mutter. Dann fuhr der Zug ab.“ Als Edith Erbrich dieses Erlebnis vom 27. Januar 1945 schilderte, wie sie als erst siebenjähriges Mädchen mit jüdischem Vater und älterer Schwester in einem Viehwaggon von Frankfurt/Main ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, herrschte betretenes Schweigen bei ihren etwa 120 vorwiegend jungen Zuhörern in der Aula der Max-Weber-Schule.

Denn die heute 74-Jährige musste damals davon ausgehen, dass sie die Mutter, eine Katholikin, niemals wiedersehen würde und auf die Drei der Tod in der Gaskammer wartete. Doch Edith Erbrich überlebte den Holocaust mit Vater und Schwester, auch die Mutter sollten sie wiedersehen. Dazwischen aber lagen unbeschreibliche Schrecken, von denen die Zeitzeugin zur Eröffnung der Wanderausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt“ berichtete. Zu sehen sind in der Beruflichen Fachoberschule zwei Wochen lang erhalten gebliebene Zeichnungen, die Kinder damals angefertigt hatten. Die meisten von ihnen waren im Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden.

„Es ist für uns eine große Ehre, dass Sie diese Ausstellung eröffnen“, betonte zu Beginn Daniel Wendt, Vorsitzender des Schul-Fördervereins, der die Zeichnungen erstmals nach Gießen geholt hat. Schulleiter Klaus Dehnfeld freute sich, Edith Erbrich erneut an der Schule begrüßen zu können, zumal sie als Zeitzeugin „authentisch vermitteln“ könne, was durch Buch oder Film nicht in gleicher Weise möglich wäre. Die 74-Jährige entgegnete, schon seit fünf Jahren immer wieder gerne an die Max-Weber-Schule zurückzukommen.

Ihre folgenden Schilderungen begann Erbrich mit Erinnerungen an die vielen Male, die man bei Bombenangriffen in Kellern Schutz suchen musste. Genauso wie die beiden halbjüdischen Mädchen nicht mehr zur Schule gehen durften und den Judenstern tragen mussten, war der Familie nicht erlaubt, in einem öffentlichen Luftschutzkeller Zuflucht zu suchen. Als Mädchen habe sie in dem viel unsicheren Keller ihres Wohnhauses „sehr große Angst verspürt, wenn der Mörtel von der Decke fiel und wir uns ein feuchtes Handtuch vor das Gesicht hielten, um überhaupt atmen zu können“. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. So wären sie am Tage der Deportation, teils von Menschen auf den Straßen angespuckt“, zum Bahnhof getrieben worden und „wie Vieh, aber ohne Stroh“, in die Waggons gezwängt worden. „Auf der tagelangen Fahrt mussten wir unsere Notdurft auf dem Boden verrichten“, berichtete sie. In Theresienstadt angekommen, wurden beide Töchter vom Vater getrennt. „Wir bekamen die Haare abrasiert und uns wurde gesagt, wir würden in die Duschen kommen.“ Da man schon in Frankfurt gehört habe, dass dies Gaskammer bedeuten könne, „wurde ich ohnmächtig und wachte erst später in einer Baracke wieder auf“, erinnerte sich Erbrich. Hunger, Kälte und Krankheit prägten die folgenden Monate, aber vor allem die Ungewissheit, ob sich der Vater auf einem der täglich nach Auschwitz fahrenden Züge befindet. Am 8. Mai befreite die Rote Armee das Lager. „Schon vor unserer Abfahrt war festgelegt worden, dass wir am 9. Mai hätten vergast werden sollen“, sei sie somit nur knapp dem Tod entkommen.

Die Ausstellung ist im Erdgeschoss von Schulgebäude B (Georg-Schlosser-Straße 18) untergebracht und kann montags bis freitags von 7.30 bis 18 Uhr, dienstags und donnerstags auch länger, besichtigt werden. Dazu ist ein Katalog erschienen, der für fünf Euro erhältlich ist. Darin findet sich ebenfalls ein Gemälde von Edith Erbrich, das sie als Mädchen gezeichnet hatte und sie mit ihrer Mutter und Schwester zeigt. Foto: Docter

Edith Erbrich

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