Schüler inszenierten Bundestagssitzung unter Leitung von Vizepräsident Hermann Otto Solms - Gelungenes Projekt
(cz). Die Debatten um die Themen "Veränderung des Wahlrechts" und "Abschaffung der Bundeswehr" waren hitzig und die Fraktionsführer hatten alle Hände voll zu tun, um zu einem tragfähigen Konsens zu kommen. Und mehr als einmal war die große Koalition fast gescheitert, am Ende aber verliefen die entsprechenden Abstimmungen wie geplant. Doch es war nicht Berlin, sondern Gießen und nicht der Bundestag, sondern die Aula der Universität. Und es war alles nur ein Spiel, an dem sich weiterführende Schulen aus der Stadt und dem Kreis beteiligten.
In seinem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung warb der Erste Vizepräsident der JLU, Professor Dr. Joybrato Mukherjee, für die Vielfältigkeit der Universität, in deren Gremien ebenfalls Demokratie geübt werde.
Wie funktioniert die parlamentarische Demokratie? Diese Frage will das Planspiel "Politik im Blick - Schüler diskutieren mit" aus der Theorie herausholen und Schülern die Abläufe innerhalb des Bundestages praktisch darstellen. Das Projekt untergliederte sich in drei Phasen. Von Oktober bis Weihnachten diskutierten die Schüler verschiedenste Themen im Internet-Chat, die sie zuvor innerhalb der Schule vorbereitet hatten. In dieser Phase war Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms (FDP) sowohl Ansprechpartner wie auch Diskussionsteilnehmer. Im Januar, nach den Weihnachtsferien, kam der zweite Teil, "Das virtuelle Parlament". Die Schüler erhielten dem Vorbild des Bundestages virtuelle Identitäten, Parteien und Strukturen. Jedoch wurden bewusst nicht die Namen der realen Parteien verwendet, um eine Distanz zu erhalten und den Schülern wurden nach einem Zufallsprinzip die Identitäten und Zugehörigkeiten zugewiesen. Dies, um eventuellen politischen Prägungen aus dem Weg zu gehen, was manche Schüler in der Abschlussbesprechung allerdings kritisierten. Ihnen entgegnete Solms, dass es durchaus gut sei, sich auch einmal in die Gedankenwelt eines anderen hineinzuversetzen.
Die Abschlussveranstaltung in der Uni bildete das Finale: Aus fiktiven Parteien und Abgeordneten wurden reale, die über zwei Gesetzesvorlagen zu entscheiden hatten. Die Schüler sahen, wie die parlamentarische Arbeit wirklich funktioniert. Und, dass ein Gesetz nie so den Ausschuss verlässt, wie es eingebracht wird. "Ich habe viel über die Arbeit gelernt", sagte der arg gebeutelte Fraktionsführer der Konservativen Volkspartei (entsprach der CDU-CSU), Fürst zu Fürstenberg, alias Philipp Risius von der Liebigschule. Hierfür hatte sich die Aula zum Bundestag verwandelte. Geleitet wurden die Sitzungen von Solms, der dies ebenso souverän und ernst wie gewohnt tat.
Die Idee zu dem deutschlandweiten einmaligen Projekt entwickelte Solms mit seinen Mitarbeitern, um Schüler an das Thema "Parlament" heranzuführen. Er organisierte sowohl die Software wie auch die Mitarbeiter, die das Projekt betreuten. "Zweieinhalb Mitarbeiter waren ständig damit beschäftigt" erläuterte er. Dabei legte er stets wert auf Neutralität.
An dem Projekt nahmen die August-Hermann-Francke, Gesamtschule Gießen Ost, Herderschule, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Liebigschule, Ricarda-Huch-Schule und Dietrich-Bonhoeffer-Schule (Lich). Insgesamt beteiligten sich mehr als 230 Schüler und Lehrer an dem Projekt. Die Schülerstärke, mit der die einzelnen Schulen teilnahmen, war sehr unterschiedlich. Von einzelnen Gruppen über Arbeitsgemeinschaften bis hin zu kompletten Klassen.
Am Ende der virtuellen Phase wählte jede Schule ihren Forumskönig, der sich am kreativsten und häufigsten durch Beiträge im Chat hervorgetan hatte. Als Dankeschön für ihr Engagement lud Solms sie zu einem Besuch nach Berlin ein. Auch innerhalb dieser Gruppe wurde der Forumskönig ausgelost. Es ist Marc Benjamin Jung von der Herderschule. Für ihn geht es im Juni in einer größeren Plattform weiter: Er reist zu "Jugend und Parlament", einem ähnlichen Planspiel in größerem Stil in Berlin, das jedoch an den Originalschauplätzen stattfindet. Für die Lehrer gab es ein Buchpräsent.
Viele der Teilnehmer wünschten sich eine Wiederholung, die ihnen Solms jedoch nicht zusagen konnte, da dies vom Wahlausgang abhänge. Er selbst wünschte sich, dass dieses Konzept auch von anderen Abgeordneten aufgegriffen wird, um noch mehr Schülern die Parlamentsarbeit praktisch näher zu bringen.