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Opfer der Nazis dem Vergessen entreißen

16.10.2009 - GIESSEN

Zum dritten Mal werden "Stolpersteine" verlegt - Gedenken auch an Wiesecker Juden - Erinnerung an Hedwig Burgheim

(hh). Den Tod ihres Mannes hat Elise Reitz nicht verkraftet. Wohl auch, weil sie die vier Kinder nun allein großziehen musste. Schließlich sah die Hausfrau und Mutter keinen Ausweg mehr und wollte sich das Leben nehmen. Doch zwei Selbstmordversuche scheiterten. Zur Behandlung wurde sie danach in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt in die Licher Straße eingeliefert. Und die Kinder bei Familienangehörigen untergebracht. Nach Hause zurück kam Elise Reitz offenbar nicht mehr. Von Gießen aus wurde sie nämlich später nach Weilmünster und dann nach Hadamar verlegt. Dort wurde sie im April 1941 ermordet. "Elise Reitz war Christin und sie war ein Euthanasieopfer", sagt Ursula Schroeter. An ihr Schicksal wird bald ein "Stolperstein" erinnern. Denn am 22. Oktober verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig zum dritten Mal Gedenksteine in Gießen.

Insgesamt 25 Betonwürfel, auf denen eine Messingplatte mit Namen und Lebensdaten der Opfer des Nationalsozialismus angebracht ist, wird Demnig an diesem Vormittag zwischen 9 Uhr und 12 Uhr mitbringen. Auch vor der letzten frei gewählten Wohnadresse von Elise Reitz in der Krofdorfer Straße 26. Hinzu kommen weitere neun Verlegeorte in der Innenstadt und in Wieseck. "Dann sind alle Wiesecker Opfer berücksichtigt", sagt Ursula Schroeter, die nicht nur zur Stolperstein-Koordinierungsgruppe Gießen gehört, sondern auch dem Heimatverein Wieseck vorsteht. Besonders intensiv hat sie sich in den vergangenen Jahren mit dem Schicksal der Wiesecker Juden beschäftigt. Und dabei bemerkenswerte Details zusammengetragen. Auch über die Arztfamilie Katz. Für Dr. Ludwig Katz, seine Ehefrau Sofie Katz und die gemeinsame Tochter Hildegard Katz waren bereits im April 2008 "Stolpersteine" in der Keßlerstraße 15 verlegt worden. Am kommenden Donnerstag nun wird auch vor seinem Elternhaus in der Gießener Straße ein "Stolperstein" eingelassen. Zum Gedenken an seine Mutter Eva Katz und seine Schwiegermutter Lina Krittenstein. Zudem werden in der Gießener Straße 80, der Kirchstraße und der Karl-Benner-Straße Gedenksteine für Wiesecker Opfer verlegt.

Einstimmiger BeschlussGrundlage für das Kunstprojekt von Gunter Demnig ist dabei ein einstimmiger Beschluss der Gießener Stadtverordnetenversammlung vom 27. Februar 2007. Denn einbetoniert werden die "Stolpersteine" nicht auf Privatbesitz, sondern auf dem Bürgersteig vor den einstigen Wohnadressen der Opfer des Nationalsozialismus. Also im öffentlichen Raum. "Wir informieren die Hauseigentümer aber natürlich vorher über die Verlegung", erläutert Pfarrer Klaus Weißgerber, der ebenfalls zur Gießener Koordinierungsgruppe gehört. Die Finanzierung der "Stolpersteine" - ein Gedenkstein kostet 95 Euro - wird von "Paten" übernommen. In Wieseck etwa von der Michaelsgemeinde. Den "Stolperstein" für die Pädagogin Hedwig Burgheim, der vor dem ehemaligen Fröbel-Seminar in der Gartenstraße 30 verlegt wird, spendet die Aliceschule, berichtet Christel Buseck von der Koordinierungsgruppe.

Insgesamt gibt es in Gießen diesmal sechs Verlegestellen. Erstmals wird dabei auch an Gießener Juden erinnert, die durch Flucht ihr Leben retten konnten. An Flora Sander, die Tochter des Rabbiners Dr. David Sander, die nach Frankreich flüchten konnte. Oder an Ruth und Louise Elsoffer, Töchter des Rechtsanwalts Hugo Elsoffer und seiner Ehefrau Johanna. Beide Familien lebten in der Landgrafenstraße 8. "Damit wird der Begriff der Familie wiederhergestellt", sagt Monika Graulich, die das Schicksal der jüdischen Bewohner des einst prächtigen Gebäudes recherchiert hat. Denn durch die Flucht vor den Nationalsozialisten wurden die Familien auseinandergerissen. Die Aktion mit Gunter Demnig, der inzwischen rund 20000 "Stolpersteine" in 487 Kommunen verlegt und die Opfer dem Vergessen entrissen hat, beginnt am Donnerstag um 9 Uhr in der Landgrafenstraße 8. Von dort geht es durch den Neuenweg zur Gartenstraße und zur Krofdorfer Straße. Danach werden die Gedenksteine in Wieseck fixiert. Zum Abschluss lädt die Michaelsgemeinde ins Gemeindehaus ein. Dort wird Ursula Schroeter dann ausführlich vom Schicksal der Wiesecker Opfer berichten.

Spuren der Vergangenheit: Vor dem Elternhaus von Dr. Ludwig Katz in Wieseck wird ein "Stolperstein" für seine Mutter und seine Schwiegermutter gelegt.Vergrößern

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