Diskriminierung am eigenen Leib erfahren
09.02.2010 - GIESSEN
Heimische Bahai-Gemeinschaft setzt sich für inhaftierte Glaubensfreunde ein
(fod). Bereits seit Mai 2008 sitzen sieben Mitglieder der Glaubensgemeinschaft der Bahai in einem Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran. Unter schlimmsten Bedingungen. In diesen Tagen wird ihr Prozess vor dem Revolutionsgericht fortgesetzt, das sie der Spionage für Israel und der Propaganda gegen die eigene Regierung anklagt. Für die Mitglieder der heimischen Bahai-Gemeinde sind diese Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen und nichts anderes als ein weiterer Versuch, ihre Religionsgemeinschaft - mit rund 350000 Menschen die größte religiöse Minderheit im Iran - zu diskreditieren.
In Kleinlinden trafen sich ein Dutzend der aktuell etwa 20 Bahai aus Gießen sowie aus Wetzlar und Umgebung, neben iranischen auch deutsche Staatsangehörige, um für ihre inhaftierten Glaubensfreunde zu beten. Darunter befand sich mit einem 48-jährigen Arzt aus Kleinlinden ein Mann, der vor seiner Flucht aus dem Iran die Diskriminierung der Bahai in seinem Geburtsland zu spüren bekommen hatte. Nach bestandenem Abitur - das konservative Mullah-Regime hatte gerade wieder die Macht übernommen - verwehrte man ihm trotz bestandener Aufnahmeprüfung das Medizinstudium. "Da man als Bahai im Iran keine Arbeitserlaubnis bekommt, blieben für mich nur noch Gelegenheitsjobs", erzählt er. Und so habe es für ihn keinen anderen Ausweg als die Flucht nach Deutschland gegeben. Ein halbes Jahr später folgte seine Schwester ihm nach. Die Eltern sind dort geblieben und müssen wie die anderen Bahai damit leben, von den übrigen islamischen Religionsgruppen als "abtrünnige Sekte" und "Gotteslästerer", so der Arzt, angesehen zu werden und "zum Töten frei gegeben" zu sein. Daher wird für die Angeklagten das Todesurteil in diesem "unfairen Prozess" befürchtet.
Dass sie der Spionage für Israel beschuldigt werden, hat historische Gründe. Etwa 70 Jahre vor dessen Staatsgründung waren die Bahai nach Persien ausgewandert, ihre heiligen Stätten sind auch heute noch in Haifa in Israel. Zudem ist ihr erster Prophet Religionsstifter Baha´u´llah und nicht Mohammed, der aber ebenfalls von ihnen verehrt wird. "Die Bahai-Religion ist laut Encyclopaedia Britannica die am zweitweitesten verbreitete Religion der Welt", sagt Stefan Schaal; der 30-jährige Deutsche fühlt sich wie seine Eltern und Großeltern der Bahai-Gemeinschaft zugehörig. Gebetet wird täglich, und es gibt auch eine Fastenzeit, die aufgrund des bei den Bahai in 19 Monate je 19 Tage eingeteilten Kalenders jedoch eine andere ist. "Wir respektieren alle Religionen", betonen der Arzt und Stefan Schaal. Etwas, das sie auch von den übrigen islamischen Glaubensgruppen erwarten.