"Feind war, wer anders dachte": Projekttag zu DDR an "Lio"
(fod). Utz Rachowski war gerade einmal 17 Jahre alt, da geriet er 1971 ins Blickfeld der Staatssicherheit (Stasi) der DDR. Wegen Gründung eines Philosophieclubs, in dem er anderen Schülern Texte verbotener Autoren wie Wolf Biermann vorlas, wurde er von der Oberschule in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, verwiesen und noch dazu aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ausgeschlossen. "Ich war froh, endlich diesem Wahnsinn entkommen zu sein", erinnerte sich der 56-jährige Schriftsteller beim Projekttag "Feind war, wer anders dachte" an der Liebigschule. Der Grund für seine Erleichterung: "Ich hatte wie meine Freunde im Philosophieclub die ganze Atmosphäre in der Schule satt." Genug hatte er von linientreuen Lehrern und die Wahrheit verdrehenden Fächern wie Staatsbürgerkunde.
Bei Rachowskis Schilderungen aus dem Schulalltag im Rahmen des von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR veranstalteten und von mehreren Geschichtslehrern organisierten Projekttages hörten die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 12 und 13 ganz besonders aufmerksam zu. Wie auch als der Schriftsteller auf seine Haftzeit in einem Gefängnis der Stasi zu sprechen kam. "Meine Anklage lautete staatsfeindliche Hetze in Versform", zitierte er aus seiner Stasi-Akte. Ein getarnter informeller Mitarbeiter habe ihn damals nach einem Treffen von Bürgerrechtlern in Leipzig, wo er ein selbst geschriebenes Gedicht vortrug, gemeldet. Angeklagt wegen Verbreitung eigener Literatur sowie Werken verbotener Schriftsteller wurde Utz Rachowski 1979 zu 27 Monaten Haft verurteilt. "Ich wurde jeden Tag verhört und bekam die Außenwelt kein einziges Mal ungefiltert zu sehen, da anstatt eines Fensters Glasbausteine eingebaut waren", erzählte er.
Dass der 56-Jährige "nur" sieben Monate absitzen musste, verdankt er dem Einsatz seines Autorenkollegen Reiner Kunze und Amnesty International, die dafür sorgten, dass Rachowski 1980 in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. "Mitten in der Nacht wurde ich aus meiner Zelle geholt und wir rasten mit Vollgas ins Aufnahmelager nach Gießen", erinnerte sich der Referent. In Gießen verbrachte er dann aber nur die Nacht, bevor es am nächsten Morgen zum Frankfurter Flughafen ging, um dort einen Flieger nach West-Berlin zu besteigen. "28 Stunden nach meiner Haftentlassung saß ich auf einmal in einem Flieger, schwebte über Berlin und sah die Mauer von oben", beschrieb Utz Rachowski seine damaligen Gefühle. Wenngleich er nicht die Ausgelassenheit der übrigen freigelassenen Häftlinge geteilt habe: "Der Staat wollte mich loswerden. Ich aber wäre lieber in der DDR geblieben, um dort weiter in der Bürgerrechtsbewegung aktiv zu sein." Bild: Docter