Expertenrunde zum Thema häusliche Gewalt
22.03.2010 - GIESSEN
Diskussionsrunde vor großem Publikum - Polizeipräsident Schweizer: Wird an Staatsanwaltschaft weitergeleitet
(cz). Die Rosenstraße 76 hat ihre Türen in Gießen seit Sonntagabend geschlossen. Die Resonanz und die Besucherzahlen waren für die Veranstalter, das Ausstellungsbündnis "Rosenstraße 76", Region Gießen, sehr zufriedenstellend. "Allein mehr als 1000 Jugendliche haben die Ausstellung besucht und an einem der begleitenden Workshops teilgenommen", sagte Renate Adler, eine der Mitinitiatorinnen. Das Round-Table-Gespräch gab ein breitgefächertes Bild ab zu den Veränderungen, dem heutigen Stellenwert und den Hilfsmöglichkeiten zum Thema häusliche Gewalt. Über "Gemeinsam stark gegen häusliche Gewalt" diskutierten Ursula Passarge (Frauenbeauftragte), Gerda Weigel-Greilich (Bürgermeisterin und Dezernentin für Jugend), Martin Blanke (Gerichtspräsident des Amtsgerichts Gießen), Jörg Müller (Kinder- und Jugendtelefon), Manfred Schweizer (Polizeipräsident), Monika Schindler (Deutscher Kinderschutzbund), Parvin Salehi (autonomes Frauenhaus), Stefan Graebner (Gewaltberater) und Dr. Frank Wagner (Kinderarzt). Das Gespräch leitete die HR-Moderatorin Eva Deppe.
Die Gesprächsrunde zeigte deutlich die grundlegende Entwicklung innerhalb der Beurteilung und Vorgehensweise gegenüber häuslicher Gewalt. So verwiesen Amtsgerichtspräsident Blanke und Polizeipräsident Schweizer mit Nachdruck darauf, dass früher häusliche Gewalt als Familienangelegenheit behandelt wurde, in der die Polizei zwar schlichten konnte, es jedoch im Ermessen der Opfer lag, ob sie Anzeige erstatteten. "Das hat sich seit dem Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes grundlegend geändert", so Schweizer. Heute werden diese Delikte als Offizialdelikte behandelt, und diese würden immer an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die entscheide, wie weiter verfahren werde, so der Gerichtspräsident Blanke.
"Häusliche Gewalt wird nicht anders behandelt als Gewalt auf der Straße", ergänzte Schweizer. Gerda Weigel-Greilich betonte die enge Zusammenarbeit zwischen den Jugendämtern der Stadt und des Kreises und der Polizei. Es gäbe eine Rufbereitschaft, so dass im Notfall immer jemand vom Jugendamt mit vor Ort sein könne. Heute gibt es vielfältige Möglichkeiten für die Opfer, Hilfe zu bekommen. Für Jugendliche ist die erste Anlaufstation das Kinder- und Jugendtelefon. "Das Thema Gewalt ist oft ein Thema der Gespräche, auch wenn es eigentlich nie direkt angesprochen wird", sagte Jörg Müller dazu. Auf bürokratische Schwierigkeiten machte Parvin Salehi aufmerksam. Frauen, die ins autonome Frauenhaus kämen, hätten viele Formalitäten zu überwinden. Ein großes Problem sei das derzeitige Sorge- und Umgangsrecht, das die Männer dahingehend nützten, um den Aufenthaltsort der Frauen zu erfahren. Das bedeute oftmals für die Frauen: Weiterziehen ins nächste Frauenhaus. Die Sichtweise der gewalttätigen Männer beleuchtete Stefan Graebner. Männer, die zu ihm kämen, wollten sich selbst aus dieser Spirale von Gewalt befreien. Allerdings hofft er darauf, dass noch weitere Männer sich zu Gewaltberatern ausbilden ließen, denn er sei hier im Gießener Raum der einzige. Jugendmediziner Wagner betonte: "Wir müssen die Familien in den ersten zwölf Monaten stärken, damit es erst gar nicht zu Misshandlungen und Gewalt kommt." Für Gießen konnte Ursula Passarge resümieren: "Da ist richtig etwas gewachsen, alles hat einmal klein begonnen."