Von Frank-Oliver Docter
GIESSEN. Eingekeilt zwischen Tausenden von Menschen. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Der Druck auf den Brustkorb wird immer stärker, das Atmen fällt zunehmend schwerer. Derweil sterben in direkter Nähe Menschen, ersticken oder werden totgetrampelt. So erlebten es viele Teilnehmer bei der Loveparade in Duisburg. Während die meisten keine körperlichen Schäden erlitten, sind doch bei manchen Narben auf der Seele zurückgeblieben. Psychologen sprechen dabei von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Auch an der Gießener Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie gibt es für Betroffene Hilfe, dort wird seit Anfang des Jahres eine Traumasprechstunde angeboten.
Im Gespräch mit dem Anzeiger erläutert Leiter Dr. Markus Stingl am Beispiel der Duisburger Ereignisse, wie sich seelische Schäden äußern und wie sie behandelt werden können. „Jeder Mensch geht anders mit einem solchen Erlebnis um. Die einen extrovertiert, die anderen in sich gekehrt“, stellt der 40-jährige Psychologische Psychotherapeut zunächst einmal fest. Wer aber über kein gutes soziales Netz verfügt, das ihn auffängt, läuft Gefahr, dass aus unverarbeiteten Erinnerungen schwere Ängste erwachsen und das Alltagsleben massiv beeinflussen. Alarmfaktoren können sein: Wiederkehrende Alpträume, Ein- und Durchschlafstörungen, erhöhter Puls und Blutdruck, eine gesteigerte Schreckhaftigkeit oder Schwindel. „Bei den Betroffenen kommt es auf einmal zu Flashbacks. Können schon Töne und Gerüche verdrängte Bilder ins Gedächtnis rufen und die damalige Situation so real wieder erleben lassen, als ob sie gerade passiert“, beschreibt Stingl einen typischen Verlauf. Im Falle von Duisburg sind das der schreckliche Anblick toter, sterbender oder schwer verletzter Menschen, Schmerzens- und Hilfeschreie aus der Menge, das selbst erlebte Engegefühl und die Luftnot.
„Bei Traumatisierten, wie etwa auch bei zahlreichen Loveparade-Teilnehmern, haben diese Erlebnisse zu einer massiven Erschütterung des Weltvertrauens geführt“, analysiert der Psychologe. Sie verlören das Gefühl, künftig noch Einfluss auf ihre Umgebung nehmen zu können, entwickelten Depressionen und würden sich immer mehr von ihren Mitmenschen isolieren. Während einige in einen Schockzustand verfallen oder sich gar eine Mitschuld am Tod anderer geben. Irgendwann sind dann das Ausmaß der Beschwerden und der Leidensdruck derart hoch, dass Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Laut Markus Stingl könne das eine Verhaltenstherapie sein, wie zum Beispiel eine Konfrontation mit den Erinnerungen durch das Anschauen von Filmaufnahmen oder Bildern. Oder eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie zur Bewältigung der entstandenen Konflikte. „Beides sind etablierte und anerkannte Verfahren, die von den Krankenkassen bezahlt werden“, meint der Psychologe. Parallel oder im Anschluss biete sich zudem der Besuch einer Selbsthilfegruppe an, „um sich mit anderen Betroffenen über die Erfahrungen und Gefühle auszutauschen“.
Als eine weitere „sehr effektive Behandlungsmethode“, so Stingl, hat sich auch das an der Gießener Klinik angebotene EMDR-Verfahren (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) erwiesen. Hierbei folgt der Patient mit den Augen der sich hin und her bewegenden Hand des Therapeuten, während er sich an das belastende Erlebnis erinnert. Man könne damit das Gleiche wie mit einer verhaltens- oder tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie erreichen, „nur in viel kürzerer Zeit. Bei Einzeltraumatisierungen reichten in manchen Fällen schon drei oder vier Sitzungen“, berichtet der Psychologe. Da zwar der Erfolg belegt, die genaue Wirkweise aber noch relativ unklar ist, wird derzeit in Gießen eine Studie durchgeführt. Vorgesehen sind dafür 192 Patienten mit einer Einzeltraumatisierung. Alle Patienten erhalten kostenlos eine EMDR-Therapie durch einen Spezialisten.
Es werden noch Teilnehmer gesucht, Interessenten können sich direkt bei der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie melden. In der dortigen Ambulanz werden jährlich rund tausend Patienten betreut, schätzt Markus Stingl und vermutet, dass davon „ein großer Prozentsatz auch ein Trauma in ihrer Vorgeschichte haben“. Foto: Docter