Mit 300 Lichtern Opfern der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gedacht
09.08.2010 - GIESSEN
(fod). Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 haben bis heute Hunderttausende Menschenleben gefordert. Anlässlich des 65. Jahrestags dieser beiden Ereignisse, die sich für immer unauslöschlich ins Gedächtnis der Menschheit gebrannt haben, hatten in mehr als einhundert deutschen Orten Friedensinitiativen zur „Nacht der 100 000 Kerzen“ aufgerufen. In Gießen sollten es rund 300 Kerzen sein, die auf dem Kirchenplatz das Dunkel erhellten. Sie formten ein riesiges Friedenssymbol.
Die Gießener Friedensinitiative mit Unterstützung von Frauen für den Frieden, Verdi-Jugend Mittelhessen und DGB-Jugend Mittelhessen hatte zu der Aktion eingeladen. Zum einen, um der Opfer zu gedenken, aber auch zur Forderung nach einer Welt ohne Atomwaffen.
Als am Abend um fünf vor zehn die Glocken des Stadtkirchenturms erklangen, standen etwa 120 Teilnehmer schweigend rund um das Symbol in der Mitte des Platzes. Die Entzündung der jeweils in kleinen, mit Sand gefüllten Säckchen stehenden Kerzen war der Schlusspunkt der Aktion, die bereits knapp zwei Stunden vorher begonnen hatte. Abwechselnd wurden von verschiedenen Personen Gedichte über und aus dem Krieg von berühmten Autoren wie Kurt Tucholsky, Erich Fried oder Bertolt Brecht vorgetragen. Dazwischen spielte das Duo Manfred Becker/Georg Wolf die dazu passende ruhige Musik. Die ganze Zeit über herrschte dem Anlass entsprechend eine sehr gedämpfte Stimmung.
Einen tiefen Eindruck bei den Zuhörern hinterließ Ilse Staude mit den von ihr vorgetragenen Erinnerungen des Hiroshima-Überlebenden Akihiro Takahashi. Als 14-Jähriger war dieser auf dem Schulhof stehend Augenzeuge der Atombombenexplosion und des Todes vieler Mitschüler geworden. Hatte das ganze Ausmaß des Schreckens miterlebt, das an diesem Tag und in den Folgejahren seine Heimatstadt ereilte. „Die ungeheure Druckwelle schleuderte mich zehn Meter weit, die Hitze verbrannte meinen Hinterkopf, Rücken, Arme und Beine“, schreibt der heute ein Friedensmuseum leitende Japaner. Und vergleicht die durch die vollkommen zerstörte Stadt laufenden Überlebenden, „denen vielfach die Hautfetzen am Körper herunterhingen“, mit „herumschleichenden Gespenstern“. Bilder, die auch den Anwesenden Schauer über den Rücken laufen ließen.
Das änderte sich auch nicht, als Dr. Lothar Liebsch vom Arbeitskreis Darmstädter Signal die aktuelle weltweite Situation der Gefahr durch Atomwaffen schilderte. Betrage die heutige „Overkill capacity“, also die Zerstörungskraft aller nuklearen Sprengkörper, doch „das Vier- bis Sechsfache“ von dem, was notwendig sei, die gesamte Menschheit zu vernichten, berichtete der ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr. In Zeiten des Kalten Krieges sei sie sogar 14 bis 16 Mal so hoch gewesen. „Während auf Schildern an den Ortseingängen Gießens ‚Atomwaffenfreie Zone‘ stand, hatten die Amerikaner auf dem Stadtgebiet und auf der Raketenabwehrstation bei Albach Atombomben gelagert, die teils die vierfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe hatten“, erläuterte er und schockte damit so manchen Zuhörer, der sich dessen bisher gar nicht bewusst war. Liebsch sah jedoch keinen Hinweis darauf, dass Staaten wie USA oder Russland künftig auf Atomwaffen verzichten werden. Und so forderte er eine Konvention zur Ächtung solcher Massenvernichtungswaffen, für die sich die deutsche Außenpolitik einsetzen müsse. „Irgendwann wird es eine atomwaffenfreie Welt geben. Wir sollten bei uns damit anfangen“, schloss Liebsch und erntete kräftigen Beifall seiner Zuhörer.