Seniorenchor: Auch ohne Jubel im Vorfeld Start nach Maß
08.09.2010 - GIESSEN
(fm). Die erste Zusammenkunft war bereits im Vorfeld von Kritik begleitet: Gesangvereine aus der Stadt waren alles andere als begeistert, als sie erfahren mussten, dass die Stadt die Gründung beziehungsweise Bildung eines Seniorenchores anstrebt (der Anzeiger berichtete). Gestern nun war die erste Schnupperprobe. Mit den Worten „Ich bin überwältigt“ begrüßte Christoph Brumhardt, Leiter des Seniorentreffs Curtmannstraße, Frauen und Männer aus der Altersgruppe 55 plus in den Räumen der dortigen Einrichtung. Dass 46 sangesfreudige Teilnehmer gekommen waren, wertete Brumhardt als „ein ganz tolles Zeichen“. Gerechnet hatten er und das Amt für soziale Angelegenheiten nur mit 20 oder 25 Besuchern.
Sichtlich erfreut war auch die Leiterin der Singstunde, Gabriela Tasnadi, ausgebildete Opern- und Konzertsängerin, freischaffende Mezzosopranistin und Lehrerin an der städtischen Musikschule. Gleich zu Beginn erzählte sie von dem großen Eifer eines Seniorenchors, den sie seit elf Jahren in Dietzenbach leitet. Von den Mitgliedern aus mehreren Nationen seien dort einige schon über 80 Jahre alt. „Das Durchschnittsalter liegt bei 75.“
Völlig unbeeindruckt von öffentlichen Gegenstimmen kamen viele Gründungsmitglieder gestern bereits vor Beginn der Singstunde in den Seniorentreff. Auch kurz nach 15 Uhr stießen noch weitere Teilnehmer zu der im Übungsraum versammelten Gruppe, für die immer neue Stühle herangeschafft werden mussten. Sätze wie „Ich will auch einen Götterfunken“ oder „Wie viele Forellen fehlen noch?“ schwirrten durch den Raum, als Christoph Brumhardt immer neue Kopien der Musikstücke herbeischaffte, die Tasnadi für die Premiere ausgewählt hatte. Getreu ihrem Motto „Singen befreit die Seele“ hatte die Gesangslehrerin zum Auftakt „ein leichtes Stück“ ausgewählt. Fast klang es programmatisch, als der neu zusammengekommene Chor nach anfänglichem „Einsingen“ die Zeile „Alle Menschen werden Brüder“ aus dem als Europahymne bekanntem Lied „Freude schöne Götterfunken“ vortrug. Schon beim Aufwärmen brachte Tasnadi die Sängerinnen und Sänger mit schwungvollen Gesten und humorvollen Bemerkungen auf ihre Seite. Das anschließende Einüben der Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimmen begleitete die Musiklehrerin mit der linken Hand auf dem Pianino, das zu ihrem Leidwesen im rechten Winkel zu der Sängergruppe stand. Damit sie den sangesfreudigen Damen und Herren ohne Verrenkung ins Gesicht sehen kann, soll das Instrument bis zum 21. September, dem nächsten Übungstag, auf Rollen in die optimale Position gedreht werden.
Einige der Sangesschwestern und -brüder haben früher schon in anderen Chören mitgemacht. „Das ist aber Jahre her“, sagte eine Dame. Manche Sänger kommen aus der Montag-Singgruppe im Seniorentreff Curtmannstraße, die Brumhardt leitet. Diese Gruppe habe endlich mal mehrstimmig singen wollen, so der Leiter des Seniorentreffs.
Punkt 15.37 Uhr erklang die Europahymne zum ersten Mal vierstimmig. Als zweites Lied übte die Sangesgruppe danach eine italienische Variation von Schuberts „Forelle“ ein. Mehrfach mussten die einzelnen Stimmlagen ihren jeweiligen Part wiederholen. Mit dem Satz „Wenn das mal eine Woche sackt, wird es noch besser“, verstärkte Tasnadi die bei allen vorhandene Motivation und Lust am Singen. Erfreut beklatscht wurde ihr positives Fazit nach der ersten Singstunde: „Es waren nicht alle Töne richtig, aber es hat harmonisch geklungen.“ Stellvertretend für viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer fasste Ulla Wolff gegenüber dem Anzeiger ihre ersten Eindrücke so zusammen: „Auf so was hab ich grad gewartet. Wichtig sind doch die freiwillige Teilnahme und die Lust am Singen. Deshalb mach ich mit.“ Für andere Meinungsäußerungen hat Ulla Wolff überhaupt kein Verständnis. „Das macht mich richtig ärgerlich.“
Aus den Reihen der Gesangvereine war die Initiative der Stadt nicht mit Beifall bedacht worden. So wurde infrage gestellt, ob es die Stadt nötig habe, bei dem vorhandenen breiten Spektrum an gut etablierten Chören eine weitere Gruppe zu initiieren, die Menschen zu sich ziehen möchte, die für manchen der Chöre eine gute Verstärkung sein könnten. In diesem Zusammenhang war die Frage aufgeworfen worden, ob die Stadt nicht besser ihre Möglichkeiten nutzen sollte, diese Menschen an diese Chöre zu vermitteln oder sie dort zu integrieren.