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Gießener Anzeiger

Polizei und Gericht 

Überstunden am Landgericht

02.10.2009 - GIESSEN

Prozess gegen Genfeld-Kritiker bis in den späten Abend - Sechs Monate Haft beantragt

(cam). Überstunden am Landgericht: Bis in den späten Abend hinein wurde am Mittwoch gegen die beiden Gentechnik-Kritiker verhandelt, die im Juni 2006 ein Versuchsfeld für gentechnisch veränderte Gerste der Justus-Liebig-Universität (JLU) zerstört haben sollen (der Anzeiger berichtete). Das Gerichtsgebäude war bis auf die Prozessbeteiligten, Zuschauer, Wachtmeister und das Großaufgebot von Polizeibeamten schon leer, als nach zähen Stunden der Prozess-Taktiererei das erste Plädoyer gesprochen wurde.

Staatsanwältin Ute Sehlbach-Schellenberg beantragte jeweils sechs Monate Haft für die beiden Angeklagten. Eine Strafaussetzung zur Bewährung könne es nur für den einsichtigen 28-Jährigen geben, nicht aber für den 45 Jahre alten Angeklagten.

Im Juni 2006 sollen die zwei selbst ernannten "Feldbefreier" auf dem Versuchsgelände der Uni Dutzende Pflanzen herausgerissen und zertreten haben. Nach Angaben der Hochschule entstand dadurch ein Schaden von rund 50000 Euro. In einem ersten Prozess in der Sache waren die gerichtsbekannten Angeklagten im September 2008 vom Amtsgericht Gießen wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch zu je sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden.













Zu Beginn des Berufungsprozesses Mitte Juli hatten die Angeklagten ihre Aktion eingeräumt, aber betont, es habe keine andere Möglichkeit gegen den in ihren Augen gefährlichen Versuch gegeben. Dabei berief sich insbesondere der 45-Jährige auf den sogenannten rechtfertigenden Notstand. Dieser Paragraf regelt, dass Gefahr etwa für Leib oder Leben auch mit illegalen Mitteln abgewendet werden darf. Am Mittwochabend erneuerte er in seinem Plädoyer noch einmal leidenschaftlich seine Kritik an der Gentechnik. Zudem warf der Politaktivist der Universität vor, "Propaganda der Sicherheitsforschung" zu betreiben. Es sei nicht das untersucht worden, was genehmigt worden sei. "Das Feld diente anderen Zwecken als beantragt." Es gehe nur um Macht, Karriere und um die Konkurrenz deutscher Universitäten. Der Versuchsleiter und JLU-Vizepräsident Prof. Dr. Karl-Heinz Kogel hatte als Zeuge vor Gericht gesagt, es habe erforscht werden sollen, ob die neuen Gerste-Sorten nützliche Bodenpilze schädigen können.

Der 28-Jährige betonte in seinem Schlussvortrag, er würde heute nicht mehr auf das Feld gehen. Doch er halte nach wie vor die Gentechnik für falsch und gefährlich. "Der Prozess hat mich nicht davon überzeugt, dass sie gut ist." Es bestehe "überhaupt kein Bedarf" an der Technologie, die aus "ganz einfachen und schnöden wirtschaftlichen Interessen" betrieben werde. Dagegen müsse man sich wehren, und es mache ihm "Angst, dass ich ins Gefängnis kommen soll, wenn ich politisch Widerstand leiste".

Nach rund acht Stunden wurde die Verhandlung auf Wunsch eines Verteidigers unterbrochen. Zuvor hatten die beiden Juristen in ihren Plädoyers keine konkreten Anträge gestellt. Der Prozess wird am 9. Oktober fortgesetzt.


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