Islamkonferenz sucht Konsens im Streit - Kopftuch, Zwangsheirat und "Ehrenmorde" sorgen für Generalverdacht
Ganz konkret mit erstens, zweitens, drittens lassen sich die Ergebnisse der Islamkonferenz nicht fassen. Auch wenn sich die vorgelegte Bilanz an manchen Stellen sehr detailliert mit Streitthemen wie dem Fernbleiben muslimischer Mädchen vom Sportunterricht oder von Klassenfahrten beschäftigt und Empfehlungen für die Praxis gibt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der die Konferenz 2006 ins Leben rief, jedenfalls gab sich zufrieden. Man habe in ungewöhnlich intensiven Diskussionen mehr erreicht als gedacht, auch habe niemand erwarten könne, "dass in drei Jahren alle Probleme gelöst sein werden". Deshalb seien sich auch alle einig, dass dieser Ansatz fortgesetzt werde müsse.
Es ist etwas in Gang gekommen, vorangetrieben von einer Partei, die vor Jahren das rot-grüne Zuwanderungsgesetz am liebsten noch verhindert hätte. Bei der Islamkonferenz geht es nicht um Einwanderung, die Muslime sind schon da. Aber es geht dabei um die Folgen einer vordergründig und kurzfristig nur am Arbeitsmarkt ausgerichteten Anwerbung ausländischer Arbeiter. Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen sehr viele Muslime nach Deutschland, bildungsfern, meist schlecht ausgebildet und oft sozialen Verhaltensmustern verhaftet, die sich nicht mit einer toleranten, demokratischen Gesellschaft vertragen.
Thema der Islamkonferenz war somit auch die Integration. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte gleich zum Beginn der großen Koalition deutlich gemacht, dass die Integration der Migranten ein zentrales Thema sei. Es gab einen Integrationsgipfel, einen Nationalen Integrationsplan und Schäubles Islamkonferenz als Teil des Integrationsprojekts. Immerhin leben mittlerweile 15 Millionen Menschen in Deutschland, die ausländische Wurzeln haben. Jahrzehntelang kümmerte sich darum niemand.
Es war nicht einmal bekannt, wie viele Muslime in Deutschland heimisch geworden sind. Eine für die Islamkonferenz vom Nürnberger Bundesamt für Migration erstellte Studie fand heraus, dass es zwischen 3,8 Millionen und 4,3 Millionen sind und damit viel mehr als bisher geschätzt. Wobei der Begriff "Muslim" oft unscharf bleibt. Der Islam, auch das zeigt die Studie, ist vielfältig und nicht jeder, der als Muslim bezeichnet wird, ist ein strenggläubiger Mensch.
Der Streit um das Kopftuch, Zwangsheiraten und sogenannte Ehrenmorde haben dazu beigetragen, den Islam in Verruf zu bringen. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 sahen sich die Muslime einem Generalverdacht ausgesetzt. "Der Islam ist kein Thema der inneren Sicherheit an sich", betonte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Aber man dürfe nicht die Augen vor dem einen Prozent radikaler Muslime verschließen. Die Vorlage des Gesprächskreises "Sicherheit und Islamismus" führte prompt zum Dissens. Der Islamrat sah durch manche Formulierungen den Generalverdacht wieder genährt. Die Studie versucht, Klischees beiseite zu räumen, so etwa die Vorstellung, der Islam sei mit westlichen Lebensweisen nicht kompatibel.