Von Frank-Oliver Docter
„Mannschaftliche Geschlossenheit hat gefehlt“ - 19-jähriger Gießener peilt neben Fußballkarriere ein Medizinstudium an
GIESSEN. Thil Iyasere hatte schon vor dem ersten Gruppenspiel seines Geburtslandes Nigeria bei der WM in Südafrika ein schlechtes Gefühl. „Die Trainingsbedingungen in der Vorbereitung waren nicht gut und es hat an der mannschaftlichen Geschlossenheit gefehlt“, analysiert der 19-jährige Gießener im Rückblick. Leider sollte sein Gefühl Recht behalten. Nigeria belegte in der Gruppe B abgeschlagen mit nur einem erzielten Punkt den letzten Platz und musste früh die Heimreise antreten. Zur Enttäuschung der erwartungsvollen Anhänger der „Super Eagles“: „Alle hatten sich auf diese Weltmeisterschaft gefreut und große Hoffnungen“, berichtet der frischgebackene Abiturient der Gesamtschule Gießen-Ost.
Vielleicht hätten sich die nigerianischen Nationalspieler ein Vorbild an Thil Iyasere nehmen sollen. Der 19-Jährige, dessen Eltern schon vor zwei Jahrzehnten nach Deutschland gekommen waren, wird nämlich ab der kommenden Saison das Trikot des SC Waldgirmes tragen und in der Hessenliga auf Torejagd gehen. „Man hat mich als Perspektivspieler verpflichtet“, erzählt der Stürmer, der fast alle Jugendmannschaften der TSG Wieseck durchlaufen hat und dort bereits mehrfach in der ersten Mannschaft spielte. Daher rechnet er sich gute Chancen aus, auch beim klassenhöheren SC Waldgirmes Einsatzzeiten zu bekommen. „Ich gehe jedenfalls nicht dorthin, um mich auf die Ersatzbank zu setzen“, sagt er selbstbewusst, wohl wissend, dass es nicht leicht wird.
Sollte es mit der erhofften Fußballkarriere nicht klappen, kann der gebürtige Nigerianer noch immer auf seinen Plan B vertrauen. Er möchte nämlich gerne Medizin studieren und später einmal Sportarzt werden. Mit dem Abitur in der Tasche bewirbt sich der 19-Jährige nun zum ersten Mal für einen Studienplatz ab dem Wintersemester 2011/12. Vorher absolviert er seinen Zivildienst an einer Sonderschule in Wetzlar. Gefragt, welche Berufslaufbahn ihm von beiden die liebere wäre, zeigt sich Thil Iyasere realistisch: „Ich denke da kurzfristig. Man weiß nie, was kommt.“ Und so möchte er die Zeit bis zum Studienstart auch „zum Nachdenken“ über die womöglich bevorstehende Entscheidung, was er von beidem wählen soll, nutzen.
Zurzeit gilt die Aufmerksamkeit jedoch voll und ganz der WM. Wie bei seinen Landsleuten wirkt auch bei ihm die Enttäuschung über das frühe Ausscheiden Nigerias nach. „Es ist vor allem schade, da die Spieler keine Gelegenheit hatten, ihr großes Talent zu zeigen.“ Noch dazu bei der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. Am Druck und den hohen Erwartungen zuhause habe es jedoch nicht gelegen, dass bis auf Ghana, das es immerhin bis ins Viertelfinale schaffte, alle Teams des Kontinents frühzeitig ausschieden, meint er. „Ghana hatte die mannschaftliche Geschlossenheit und das kompakte Auftreten, was den anderen gefehlt hat“, analysiert der 19-Jährige.
Den Hauptgrund sieht er vielmehr im „mangelnden Trainingsfleiß“ der Teams aus Afrika. Diesbezüglich und auch bei der Strukturierung des Spiels hätten ihnen die Europäer und Südamerikaner noch einiges voraus. Wobei er sich vor allem von den Leistungen des deutschen Teams begeistert zeigt. Was die zukünftigen Chancen Nigerias bei einer der nächsten Weltmeisterschaften angeht, kann der Abiturient nun etwas optimistischer sein, nachdem der von Staatspräsident Goodluck Jonathan angekündigte Rückzug der Mannschaft für zwei Jahre von allen internationalen Wettbewerben inzwischen wieder vom Tisch ist. Daher überwiegt die Freude, dass sich der Kontinent als erstmaliger WM-Ausrichter bewährt hat. „Die Besucher und Zuschauer aus aller Welt haben ein realistisches Bild von Afrika bekommen“, meint Thil Iyasere. In der Vergangenheit sei dies nämlich durch die Hervorhebung von Armut und fehlender Infrastruktur arg „verfälscht“ gewesen.