Mittwoch, 08. September 2010 13:08 Uhr
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Gießener Anzeiger

Handball 

Wetzlarer Trainer rechnet nach Flensburg-Pleite mit seinem Team ab

09.03.2010 - WETZLAR

Jürgen Heide

Wie ein Häufchen Elend saß Manager Rainer Dotzauer in der Pressekonferenz auf seinem Stuhl in den hinteren Reihen und verfolgte, wie sich vorne Trainer Michael Roth von der HSG Wetzlar nach der demaskierenden 21:30 (8:14)-Niederlage gegen die SG Flensburg-Handewitt in Rage redete. Gleiches hätte der 62-Jährige wohl auch getan, wenn er noch wie bis zum Ende der vergangenen Saison an der Seite des (jeweiligen) Trainers gesessen hätte.

„Ich hatte gedacht, dass wir zumindest eine kleine Außenseiterchance haben würden, aber nicht einmal das war der Fall. Flensburg hat man den Willen angesehen“, sagte Dotzauer, der selbigen bei den Grün-Weißen vermisste, nachdem Roth den ersten Teil seiner Kritik an der Mannschaft beendet und den Raum verlassen hatte.

Weil aus der angestrebten Wiedergutmachung für die peinliche 18:29-Schlappe acht Tage zuvor in Lemgo eine erneute Pleite geworden war, bat Dotzauer Geschäftsführer Sascha Schnobrich, den Trainer in den Presseraum zurückzuholen, wo beide dann eine kurze Unterredung unter vier Augen führten. Dabei dürfte Dotzauer den Coach wohl auch gefragt haben, wie er den Abschwung mit 3:19 Punkten und nur einem Sieg aus den vergangenen elf Spielen stoppen will. Den Sportlichen Leiter dürfte die Angst umtreiben, dass seine HSG sportlich noch weiter abstürzen könnte, nachdem das finanzielle Aus gerade noch abgewendet wurde.

„Uns fehlt einer, der klar
das Sagen hat. Salzer steckt
den Kopf in den Sand.“

(Michael Roth, Trainer HSG Wetzlar)

Als „Berg- und Talfahrt“ analysierte der Coach anschließend den bisherigen Saisonverlauf, der mit 12:10 Startpunkten vielversprechend begonnen hatte, bevor er erneut die Mannschaft hart kritisierte. Roth vermisst Führungsspieler und ist besonders von seinem Kapitän und Spielmacher Timo Salzer enttäuscht, „der viele Ballverluste hatte, obwohl er Zeichen hätte setzen sollen. Uns fehlt einer, der klar das Sagen hat. Salzer steckt aber den Kopf in den Sand“, watschte der HSG-Trainer den Nationalspieler ab, der sich nach gutem Saisonstart in einem Tief befindet.

Insgesamt sei das Team „mental schwer zu handeln, weil wir keine Truppe haben, die durch dick und dünn geht. Wir sind einfach zu brav“, sagte Roth, der in Abwehrchef Giorgios Chalkidis nur einen furchtlosen Kämpfer in seinen Reihen hat und sich darüber ärgert, dass sein Team trotz des Kampfes gegen den Abstieg zu den fairsten Mannschaften der Liga zählt. Bezeichnend dafür fand der Übungsleiter die Zurückhaltung seiner Spieler nach einem üblen und unnötigen Foul von Oscar Carlén, der bei einem Tempogegenstoß den in den Sechs-Meter-Raum springenden Salzer in der 48. Minute beim Stand von 15:25 umgerissen hatte. „Das war Körperverletzung und eine klare Rote Karte. Da wären zu meinen Zeiten als Spieler fünf Leute hingegangen und es hätte Tumulte gegeben.“

„Wenn unsere Leistungsträger ausfallen, sind wir nicht gutes Mittelmaß, sondern spielen gegen den Abstieg“, sagte Roth in Richtung von Torwart Nikolai Weber, Salzer, dem Halbrechten Daniel Valo, dem er stark schwankende Leistungen attestiert, und Rechtsaußen Avishay Smoler, „der immer noch seine Form sucht“. Einzig seinem Nationalspieler Sven-Sören Christophersen bescheinigte der Coach gegen Flensburg den nötigen Siegeswillen. Für die neue Saison soll deshalb ein neu zu verpflichtender Kreisläufer Führungs- und Abwehrstärke mitbringen. „Da haben wir zuwenig Qualität“, so Roth.

Doch zunächst muss der Coach die Talfahrt der HSG stoppen, damit sich diese nicht noch in Liga zwei wieder findet, für die der Arbeitsvertrag des 47-Jährigen, der zuletzt Anfragen anderer Klubs hatte, übrigens ebenfalls gilt. „Ich bin kein Zauberer. Ich wusste, dass es in Wetzlar gegen den Abstieg geht, hier muss man hart arbeiten.“

Den unbedingten Einsatzwillen und Teamgeist, den Roth fordert, seiner Mannschaft einzuimpfen, ist jetzt ebenso seine Aufgabe wie das Angriffsspiel besonders über die Außenpositionen zu verbessern. Dass sein Team bei der angestrebten Weiterentwicklung (Roth: „die ist unterbrochen“) stehen geblieben ist und einige Akteure sogar Rückschritte gemacht haben, muss sich der Trainer zurechnen lassen.

„Wir sind nicht gefestigt, so dass
wir bei schlechten Spielen immer
gleich mehrere Ausfälle haben.“

(Nikolai Weber, Torhüter HSG Wetzlar)

Derzeit hat die HSG noch fünf Punkte Abstand auf Relegationsplatz 16, doch die mentale Schwäche und der Abgang von sechs Spielern (Christophersen/Berlin, Smoler/Lemgo, Michael Allendorf/Melsungen, Sebastian Weber/wohl kein neuer Vertrag, Gregor Werum/Karriereende und Vladan Krasavac/kein neuer Vertrag) zum Saisonende sind sicherlich keine Pluspunkte im Abstiegskampf.

„Wir haben zwar viele Nationalspieler, aber wir sind nicht so gefestigt, so dass wir bei schlechten Spielen nicht zwei, sondern immer gleich mehrere Ausfälle haben und sind noch nicht durch“, sagt Torwart Nikolai Weber, der für eine festgeschriebene Ablösesumme in seinem bis Juni 2011 datierten Vertrag die HSG am Saisonende verlassen könnte, wovon er aber nicht ausgeht. „Wenn hier ein bisschen Zufriedenheit einkehrt, geht der Schuss immer nach hinten los“, hat der Keeper festgestellt, wobei Trainer Roth auch die Torwartleistungen trotz vieler starker Spiele von Weber über die ganze Saison als „insgesamt zu schwach“ einstuft.

Vielleicht finden die Wetzlarer Bundesliga-Handballer ja auf ungewohntem Terrain zu alter Stärke zurück. Jedenfalls hat Michael Roth, nachdem das erhöhte Trainingspensum gegen Lemgo nicht die gewünschte Wirkung zeigte, am Mittwoch um 12 Uhr eine Übungseinheit im Bad Nauheimer Eisstadion angesetzt, bei der seine Spieler in kalter Umgebung die Köpfe frei bekommen sollen.

Trainer Roth. Bild: Vogler

BundesligaTrainer Michael Roth kann (so wie in der Heimpartie gegen die SG Flensburg-Handewitt) derzeit auf viele Mängel im Spiel der HSG Wetzlar hinweisen. Bild: Vogler


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