Licher Becker-Zwillinge: Technische Brillanz mit großer Sensibilität

Von Heiner Schultz

Konzentriert am Flügel: Marie Becker (rotes) und Clara (schwarzes Kleid). Foto: Schultz

LICHEin großes Vergnügen erlebten die Besucher des Kulturzentrums Bezalel-Synagoge am Samstag. Die Licher Pianistinnen Clara und Marie Becker traten mit einem Programm von für vier Hände komponierten Werken von Schubert, Debussy und Say auf. Ihre handwerklich hochwertige Performance verband technische Brillanz mit großer Sensibilität und Sinn für Balance. Das Publikum war ausnahmslos hingerissen.

Das Talent der Zwillinge wurde im Elternhaus früh erkannt und gefördert, sie erhielten eine grundlegende Ausbildung und Begabtenförderung bei der Pianistin Birgitta Lutz, und sie sind in Lich und in der Region durchaus bekannt. Sie besuchten Meisterkurse bei international bekannten Künstlern wie dem Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl. Im September 2019 gaben die beiden ihr erstes Konzert in den USA in New York, für 2021 ist wiederum eine Konzertreise nach Kalifornien und New York geplant. Zurzeit studieren Clara und Marie bei Bruno Canino in Florenz und arbeiten regelmäßig mit Isabelle und Florence Lafitte in Paris.

Mit sanfter Entschlossenheit begannen die Schwestern Franz Schuberts Rondo in A-Dur (D 951), eine an sich eher schlichte Komposition, um dann ohne jede Ficht vor Dynamik ans Werk zu gehen. Kraftvoll also und differenziert musizierten sie, und durchaus tief nuanciert. Schön und lebendig war das, wobei die lyrischen Akzente vollkommen stimmig realisiert wurden. Gleich großer Beifall.

Weiter mit Schuberts Variationen über ein eigenes Thema in As-Dur (D 813), einem Glanzlicht des herausragenden Abends. Anfangs schon mehr als beherzt angegangen, musizierten die Beckers sehr transparent und entfalteten nach der eingangs erfolgten Introduktion des Marschmotivs die sehr attraktiven Variationen, die im dritten Teil zu voller Intensität gelangten: Der Klang füllte den voll besetzten Saal definitiv. Im vierten dann wieder narrativer, sanft, fast lyrisch, um dann erneut zu kraftvoll expressiver Musizierweise zu finden. Dann ein ganz sicherer lyrischer Ansatz, verträumt und sehr schön, bis bald wieder eine exzellent gestaltete Spannung aufkam. Diese und sämtliche anderen Akzente wurden ausnahmslos sehr klar gestaltet, was den Musikerinnen mit größter Sicherheit von der Hand ging; sehr gute Feinzeichnung auch in sanften Teilen. Und natürlich wurde das Finale versiert und zielsicher vorbereitet. Das Publikum strahlte.

Claude Debussys (1862-1918) "Six epigraphes antiques" (L 131) hob an mit einer schwelgerischen und zugleich sachten Umsetzung, dann sanftes Wehen mit unterlegtem tiefem Gebrummel; ganz moderne Wendungen kamen zu Gehör, ein Stilwechsel. Kräftige Akzente wechselten mit sanften Klangwellen - man war im 20. Jahrhundert angekommen. Auch witzige Zitate (Anklänge an "Indianermusik") sorgten für große Munterkeit, mit leisem, unkonventionellem Abschluss.

Fazil Says (*1970) "Night" op. 68 begann schließlich mit einem sehr beweglichen Geschehen, wobei dramaturgisch hoch wirksame Elemente zum Einsatz kamen. Hier lag auch schon einmal eine filmisch orientierte Spannungsmusik unter dem Ganzen. Zudem spielten die Pianistinnen mehrere Passagen "inside", also mit Eingriffen ins Instrument von oben und brachten diese ungewohnten Klänge sehr kundig zum Einsatz, was schwungvoll und mitreißend war. Dann die große dramatische Woge, Clara Becker schaute vergnügt drein. Im Ganzen eine hoch interessante Komposition, die mit exzellenter Stimmigkeit realisiert wurde. Abschluss mit einem Donnerschlag und zwei lächelnden Pianistinnen.

Als erste Zugabe ein sehr schwungvolles erstes Prelude von Gershwin, danach - das Publikum klatschte entschlossen weiter - noch mal ein Schubert. Ein äußerst ansprechendes Konzert auf faszinierendem handwerklichen Niveau, das nachhaltig berührte.

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