GIESSENDer Abend gehörte einzig und alleine Heiko Schelberg. Wie noch keiner in seiner fast achtjährigen Amtszeit. Dabei hatte der 47-Jährige schon viel Emotionales mitgemacht. Er hatte die Gießen 46ers vor der Insolvenz bewahrt. Er hatte Geldgeber besorgt. Er hatte die Basketballer von der Lahn durch die ProA und schnell wieder nach oben geführt. Er hatte neue Strukturen installiert. Er hatte den Club finanziell aufgepeppelt und wirtschaftlich auf solide Beine gestellt. Vor allem aber: Er hatte noch soooooo viel vor. Was ihm nicht mehr vergönnt war.
Am Samstag, 7. März, 20.28 Uhr, endete die Ära des gebürtigen Korbachers in der Sporthalle Ost. Nach außen hin einvernehmlich, mit Worten des Respekts und der Anerkennung, in seinem tiefsten Inneren aber brodelnd und aufgewühlt wie selten in seinem Leben zuvor. Als Wolfgang Greilich, Rechtsanwalt, FDP-Politiker und fünf Jahre lang Landtags-Vizepräsident, vor der Partie in seiner Funktion als Sprecher der Gesellschafter die Verdienste Schelbergs würdigte und ihm mit einer lebenslangen Eintrittskarte sowie einem Gutschein der Erlebnisagentur von Jochen Schweizer dankte, brachen alle Dämme.
"In meinem Herzen werde ich immer ein 46ers bleiben", stockte dem unfreiwillig Scheidenden bei seiner Ansprache ans Publikum die Stimme. Als die Fans auf den Stehrängen minutenlang skandierten, "Heiko ist ein Gießener", "Heiko ist der beste Mann" oder "Ohne Heiko wären wir nicht hier", da standen dem Abservierten die Tränen in den Augen. Als Zeichen der Rührung legte er seine rechte Hand immer wieder auf sein Herz, verbeugte sich tief, winkte in die Menge und applaudierte allen, die auch ihm applaudierten. Schon vor dem ersten Sprungball war jedem der 3752 Zuschauer klar, dass das Match zwischen den 46ers und Frankfurt lediglich Staffage einer großen und von den Fans einzigartig zelebrierten Aufführung war.
Vier Viertel lang huldigten die Anhänger ihrem Ex-Geschäftsführer, rollten Banner mit den Worten "O Captain, my Captain - danke Heiko" aus und hatten Transparente mit dem Konterfei des Mannes dabei, "ohne den wir heute vielleicht in der Herderschule gegen die Pointers spielen würden", wie es ein Fan formulierte. Sichtlich gerührt verfolgte Schelberg das Treiben von der Tribüne unterhalb des VIP-Raums aus. Als die Anhänger "Heiko in den Block, Heiko in den Block" sangen, erhob er sich schließlich von seinem Sitzplatz, ließ sich in der Menge feiern, umarmte jeden, der bei drei nicht auf dem Baum war, sang, hüpfte und feierte mit ihnen. Zunächst während der Partie in der Halle, später in den Katakomben, wo er sogar zum Megafon griff und alte MTV-Vereinslieder anstimmte. Einen solchen Ausnahmezustand hatte die altehrwürige Osthalle noch nie erlebt!
Um zwei Minuten vor halb neun waren die acht Jahre Heiko Schelberg schließlich Geschichte. Rotz und Wasser heulend nahm der 47-Jährige Reißaus und lief zu seinem Auto. Abstand gewinnen. Von aus seiner Sicht acht wunderbaren Jahren in Gießen. Und von einem Abend, der einzig und alleine ihm gehörte. Alexander Fischer