Handball: HSG Wetzlar im Derby nur knapp unterlegen

Von Volkmar Schäfer
Sportredakteur Wetzlar

Kein Durchkommen: Wetzlars Filip Mirkulovski (M.) beißt sich an der Melsunger Abwehr um Julius Kühn die Zähne aus. Foto: imago

Kassel. Olle Forsell Schefvert rennt alleine auf den gegnerischen Kasten zu und trifft. 10:4 nach 14 Minuten und 14 Sekunden für die HSG Wetzlar. Das Hessenderby der Handball-Bundesliga bei der MT Melsungen kann für den schwedischen Rückraumspieler und seine Teamkollegen nicht besser beginnen. Doch plötzlich ist vom anfänglichen "14:14"-Zauber und dem rasanten Tempoauftritt in Grün-Weiß nicht mehr viel zu sehen. Der Gegner legt einen 6:0-Lauf aufs Parkett und gleicht zum 10:10 aus. Erst nach neun Minuten und 50 Sekunden ohne Treffer beendet Alexander Feld mit einem krachenden Wurf die Flaute der fulminant gestarteten Lahnstädter.

Später werden nicht nur die 4300 Zuschauer in der pickepackevollen Kasseler Röthenbachhalle, sondern auch die neutralen Beobachter von dieser vorentscheidenden Phase in einer umkämpften Begegnung zweier Erzrivalen berichten, die letztlich in eine 26:28 (14:13)-Niederlage der Mannschaft von Trainer Kai Wandschneider mündet. Die Entscheidung über Wohl und Wehe im Nachbarschaftsduell fällt allerdings erst in der letzten Viertelstunde.

Da geht nach der Energieleistung von Viggo Kristjansson und dessen "Beinschuss" gegen MT-Keeper Nebojsa Simic zum 21:20 für Wetzlar fast gar nichts mehr und für Melsungen fast alles. Eben jener Isländer passt den Ball beim Stand von 21:22 in die Hände von Gegenspieler Yves Kunkel anstatt zu Mannschaftskamerad Kristian Björnsen. Ein, zwei Pässe der Gastgeber - und schwupp verwandelt der ansonsten abgemeldete Tobias Reichmann zur ersten Zwei-Tore-Führung der hochbezahlten Stars aus der nordhessischen Handball-Kleinstadt. So geht es dahin.

"Uns hat am Ende einfach die Kraft gefehlt", gibt Kai Wandschneider nach dem Schlusspfiff unumwunden zu. "Daraus resultierend haben wir ab der 45. Minute viele technische Fehler gemacht. Aber ich kann und werde meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Ich bin unheimlich stolz auf sie", erklärt der HSG-Trainer, um dann sein gewohntes Credo über die Machtverhältnisse zwischen den beiden hessischen Erstligisten zu erwähnen: "Wir sind geographisch und tabellarisch zwar Nachbarn, aber am Ende des Tages zahlt sich der Etatunterschied im wahrsten Sinne des Wortes doch aus."

Das trifft an diesem Samstagabend speziell auf den Vergleich im rechten Rückraum zu. Stefan Cavor und Kristjansson bemühen sich, keine Frage. Aber "da kam zu wenig", weiß Wandschneider hinterher. Die beiden "Lefties" werden getoppt von ihrem Melsunger Pendant. Denn was Kai Häfner auf die Platte zimmert, ist à la bonne heure. Nicht "Kanonier" Julius Kühn (schwach), sondern dessen Nationalmannschaftskollege ist der größte Unruheherd für die grandios ackernde und rackernde Wetzlarer Abwehr.

Häfner toppt Rückraum-Duo der Grün-Weißen um Längen

Häfner trifft aus allen Lagen und bedient obendrein seine Nebenleute mit glänzender Übersicht. In seinem Sog steigert sich Kämpferherz Timm Schneider, der frühere Hüttenberger und HSG-Akteur mit Pohlheimer Wurzeln, in einen Flow. Ganz hinten übernimmt schließlich Nebojsa Simic die Rolle des schwer Überwindbaren von seinem Gegenüber Till Klimpke, der seinerseits in der Startphase mitverantwortlich für das eingangs beschriebene 10:4 der HSG ist.

Und wenn wir gerade schon bei Sonderlob sind: Anton Lindskog als Assistgeber, Vollstrecker und Turm in der Abwehrschlacht hat dieses Privileg ebenso verdient wie Lenny Rubin, der von der Bank kommend nahtlos an seine starke Vorstellung vom Mittwoch-Spiel gegen Frisch Auf Göppingen anknüpft.

Dank des herausragenden "Mannschaftsgeist-Qualitätsindex", den Sky-Experte Stefan Kretzschmar während der Live-Übertragung erwähnt und die HSG gemeinsam mit Meister Flensburg dort an die Spitze des Oberhauses hievt, bleibt der Underdog lange dran. Maximilian Holsts fünfter, blitzsauber verwandelter Strafwurf zum 23:25 (54.) lässt nochmal Hoffnung aufkeimen im Wetzlarer Lager. Doch als Häfner seinen neunten Tagestreffer zum 28:25 in die Maschen hämmert, ist die Messe gelesen.

"Wir haben schlecht angefangen, dann aber in den letzten 40 Minuten überragend Abwehr gespielt", sagt Gudmundur Gudmundsson nach seiner Bundesliga-Heimpremiere als neuer MT-Trainer. Sein früherer "Co" in Dormagen, Kai Wandschneider, wirkt trotz der verlorenen Punkte auch zufrieden. Schade nur, dass der Zauber seines Teams nicht erst nach 60, sondern schon nach 14 Minuten und 14 Sekunden verfliegt.

Melsungen: Simic, Sjöstrand (bei einem Siebenmeter) - Häfner (9), Maric (4), Pavlovic (3), Sidorowicz (3), Allendorf (2), Kunkel (2), Reichmann (2), Kühn (1), Mikkelsen (1/1), Schneider (1), Lemke, Ignatow, Salger (n.e.).

Wetzlar: Klimpke, Ivanisevic (n.e.) - Björnsen (5), Holst (5/5), Frend Öfors (4), Rubin (4), Forsell Schefvert (2), Lindskog (2), Cavor (1), Feld (1), Kristjansson (1), Mirkulovski (1), Torbrügge, Weissgerber (n.e.).

Schiedsrichter: Hartmann/ Schneider (Magdeburg/Irxleben) - Zuschauer: 4300 (in Kassel) - Zeitstrafen: Melsungen eine (Maric), Wetzlar zwei (Forsell Schefvert, Björnsen) - verworfener Siebenmeter: Allendorf (Melsungen) scheitert an Klimpke (11.).

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