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»Allendorfer Stimmen« erzählen

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Von: Debra Wisker

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Maximilian Kutzner, Erich Maurer und Brunhilde Trenz (v.r.) präsentieren die Tafel zu dem etwas anderen Geschichtsprojekt. Mit dem Smartphone kann man die »Stimmen« hier mittels QR-Code erleben. Foto: Wisker © Wisker

»Allendorfer Stimmen«: Bürger teilen ihre Erinnerungen auf Video.

Allendorf . Jahreszahlen, Daten, Fakten - Geschichte kann auf verschiedene Arten dargestellt und vermittelt werden. Richtig lebendig wird sie aber erst, wenn man Zeitzeugen zuhört.

Genau das ist es, was das Projekt »Allendorfer Stimmen« hervorhebt. Denn es sind in der Tat Menschen aus Allendorf, die aus ihren Erinnerungen erzählen, der Lokalhistorie ihre Stimme geben. In einzelnen Interviews haben sie auf ihre Leben und somit auch auf ein Stück Heimatgeschichte zurückgeschaut. Das Projekt ist in Zusammenarbeit des Heimat- und Verkehrsvereins mit der Geschichtsmanufaktur Kutzner und Lotz entstanden. Jetzt weisen ein Schild an der alten Remise, dem heutigen Bürgertreff, und eins an der Rückseite des Heimatmuseums auf dem Kirchengelände auf die »Allendorfer Stimmen« hin. Mit dem Smartphone kann man den QR-Code einscannen und den Erzählern lauschen. Ein drittes Hinweisschild wartet noch auf sein Plätzchen.

Schnittstelle

»Wir wollten versuchen, das, was an dörflicher Geschichte und Kultur nicht aufgeschrieben ist, einzufangen«, erklärt Dr. Maximilian Kutzner den Ansatz. Gemeinsam mit dem Archäologen Christian Lotz hat er die Geschichtsmanufaktur 2021 als Start-up gegründet. Die beiden wollen Schnittstellen zwischen dem klassischen Museum und der digitalen Welt schaffen. Anders ausgedrückt: Das digitale Museum auf dem Smartphone. Kutzner wohnt in Allendorf, der Kontakt zu Brunhilde Trenz, Vorsitzende des Heimatvereins, war schnell geschaffen. Eigentlich, so blicken die beiden zurück, sollten es anfangs zwei bis drei Interviews werden, die auf Video aufgezeichnet wurden. Neun Menschen waren es schließlich, die man nun als »Allendorfer Stimmen« erleben kann.

Das sind sie, die »Stimmen«: Erich Maurer (Bierfarbe), Erich Conrad (Kriegsgefangenschaft), das Ehepaar Reinhardt (Kirchendiener), Anni Janiec (Nikelsmarkt), Katharine Lotz (Mundart), Heinrich Benner (Der Turm), Ria Merte (Bomben auf Allendorf) und Konrad Wagner (Feldschütz). Die Zeitzeugen - man sieht es teilweise schon an den Themen - sind ältere Menschen. Ihre Geschichten wird man nicht mehr unendlich lange hören können. Umso mehr war es den Machern des Projekts ein Anliegen, deren Erinnerungen festzuhalten.

Mit der modernen Technik erreicht man auch die jüngenen Leute, ist sich Trenz sicher. Die Methode nennt sich »Oral istory«. Kutzner erläutert, dass man die Interviews mit Fragen etwa zu Kindheit, Jugend, Schule und Beruf strukturiere. Diese Fragen führten schließlich dazu, dass einzelne Erlebnisse, auch Anekdoten zum Vorschein kämen. In Allendorf seien es vor allem die Kriegszeit und die Zeit des Wiederaufbaus gewesen, die die Gespräche geprägt hätten. »Das waren ganz einschneidende Erlebnisse für die Menschen«, so Kutzner.

Erich Maurer ist bei der Vorstellung des Projekts dabei. Auch er ist eine »Allendorfer Stimme« und so verwundert es nicht, dass auch jetzt wieder Erinnerungen zu Tage kamen. Maurer ist selbstständiger Malermeister.

Die Bierfarbe

Er zeigt ein »Brett«, dass er mit Bierfarbe bearbeitet hat. Und er verrät, dass das gar kein richtiges Holzbrett sei. Die Maserung habe man in den 1950er Jahren mit einer Mischung aus abgestandenem Bier und Trockenfarbe hinbekommen.

Der Krieg war zu Ende, in Gießen, wo er in die Lehre ging, noch vieles zerbombt. Der Aufschwung noch nicht angekommen. Also behalf man sich beim Wiederaufbau eben mit dem, was man hatte. »Eine innovative Lösung, etwas zu imitieren, das man gar nicht hat«, umschreibt es Kutzner.

Und Erich Maurer fallen noch andere Dinge ein. Zu Kriegsende war er zehn Jahre alt, erlebte, wie die US-Panzer in Allendorf einrollten. »Da war ein amerikansicher Soldat, den haben wir ›Mr. Xl‹ genannt. Der hat uns mal zum Braunfelser Schloss gefahren. Und er hat uns Schokolade geschenkt.« Ein russischer Kriegsgefangener habe ihn angesichts einer neuen Freiheit spontan umarmt. Maurer könnte noch stundenlang erzählen und man könnte ihm genauso lange zuhören. Maximilian Kutzner erklärt, das sei ein gutes Beispiel dafür, wie die Interviews gelaufen seien.

Die Geschichten hätten ihn teilweise auch sehr berührt. So etwa die, die Erich Conrad erzählte. Der hatte aus seiner Kriegsgefangenschaft in Italien berichtet. Dort traf er seinen Nachbarn aus Allendorf - jedoch auf der anderen Seite des Verhörtisches. Sein früherer Nachbar hatte Jahre zuvor fliehen müssen, war doch Jude.

Sowohl Trenz als auch Kutzner hoffen, dass sie mit ihrem Projekt noch weitere Geschichten, weitere »Stimmen« erreichen und so auch weitere Geschichten erfahren. Gefördert wurde das Projekt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

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Eigentlich sollte das Interview nachgestellt werden, doch Erich Maurer (l.) erzählt Maximilian Kutzner spontan weitere Geschichten aus der Vergangenheit. Foto: Wisker © Wisker

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