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»Bin ein geübter Sensenmann«

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Hermann Otto Solms lässt sich nicht lange bitten und mäht mit der Sense die Wiese auf dem Kirchengelände. Foto: Heller © Heller

In Allendorf hat Hermann Otto Solms nicht nur seine Autobiografie vorgestellt, sondern auch ein ungeahntes Talent bewiesen.

Allendorf (voh). Im Herbst vorigen Jahres hat der FDP-Politiker Hermann Otto Solms seine Autobiografie »Frei heraus. Mein selbstbestimmtes Leben« herausgebracht. Im Altstadttreff in Allendorf stellte er sein Buch nun vor. Solms las aber keine Textpassagen. Im Verlauf der Moderation mit Sven Ringsdorf (Wetzlar), dem Europabeauftragten der FDP Lahn-Dill, entwickelte sich ein hoch interessantes Zeitzeugengespräch. Inhaltlich steht das so freilich auch im Buch.

Seit November 2021 ist Hermann Otto Solms Politikrentner. Er trat 1971 in die FDP ein. 2020 ernannte ihn die Partei zum Ehrenvorsitzenden. Solms war zuletzt Abgeordneter des 19. Deutschen Bundestags (2017 bis Oktober 2021), jeweils stellvertretendes Mitglied im Wirtschaftsausschuss und Finanzausschuss. Solms ist ein intimer Kenner des Politbetriebs in den Hauptstädten Bonn und Berlin. Meist hat er hinter den Kulissen mit gestaltet. Die Parteivorsitzenden wechselten regelmäßig, Solms blieb als dauerhafter Ruhepol. Egal in welcher Funktion.

Den Parteivorsitz oder ein Ministeramt habe er nie angestrebt, teilte er mit. Mit Bundesfinanzminister Christian Lindner verbindet Solms ein besonderes Vertrauensverhältnis. Als die FDP bei der Bundestagswahl 2013 zum ersten Mal überhaupt aus dem Parlament flog, war Solms schon 72 Jahre alt. Lindner und Guido Westerwelle konnten ihn damals überreden, den Wiederaufbau der Partei zu lenken. Solms: »Wir waren ein Insolvenzfall«. Laut Grundgesetz könne eine politische Partei jedoch nicht pleitegehen. Solms, studierter Ökonom und Unternehmensgründer, sagte schließlich zu und nannte eine Bedingung: »Einen wirklichen Neuanfang, personell und mit Grundsatzprogramm«. Sparen verordnete Solms. Orts- und Kreisverbände wurden angepumpt. »Die hatten noch Geld«. Er konsultiert die Bankiers.

Nach einem Jahr hatte die FDP fast eine Million zusammen gekratzt. Solms, der lautlose Macher mit dem notwendigen Vertrauensvorschuss, erklärte seinem Publikum: »Heute steht die FDP so gut da wie niemals - finanziell und politisch. Man muss sein Verhalten immer glaubwürdig begründen«.

Zwischen Buchvorstellung und Kaffeetrinken überraschte Brunhilde Trenz vom Heimat- und Verkehrsverein den ahnungslosen Gast. Man wolle heute mal den Vorwurf, dass Politiker angeblich nicht bodenständig seien, entkräften. In seiner Autobiografie beschreibt Solms wie er als Kind bei der Ernte mithalf. Die damals verwitwete Mutter war 1948 mit ihren fünf Kindern von Lich nach Ruhpolding gezogen, wo man für zwei Jahre auf einem Bauernhof lebte. Dazu heißt es im Buch. »Ich bin heute noch ein geübter Sensenmann«.

Nun, Sensen gab es in Allendorf, und zwar im benachbarten Heimatmuseum. Pfarrer Stefan Schröder hatte bereits zugestimmt, dass auf der Blühwiese vor der evangelischen Kirche ein wenig gemäht werden dürfte. Solms, immerhin schon im 82. Lebensjahr, zögerte nicht. Mit dem Wetzstein schärfte er noch schnell über das Sensenblatt und warf dann mit breitem Schwung die Halme um.

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