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Erstmals ohne Koffein

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Brunhilde Trenz (l.) und Vorstandsmitglied Bianca Werther sind stolz, dem Heimatmuseum weitere Exponate hinzufügen zu können. © Zylla

Fast 100 Jahre alte Reklamemarken des entkoffeinierten »Kaffee Hag« erweitern die Sammlung im Museum des Allendorfer Heimat- und Verkehrsvereins.

Allendorf (zye). Das Museum des Heimat- und Verkehrsvereins ist auch über Allendorf hinaus bekannt für seine lokalhistorischen Exponate mit teils kuriosen Fundstücken. Nun wurde die Sammlung erweitert, nämlich um fast 100 Jahre alte Reklamemarken des entkoffeinierten »Kaffee Hag«.

Bevor es jedoch um Reklamemarken gehen kann, darf man auch das restliche Museum nicht außer Acht lassen. Denn ist man hier zum ersten Mal, so ist der geneigte Besucher vermutlich überrascht, was dort alles drinsteckt. Nicht nur im Fachwerkhaus in der Kirchstraße, wo einst auch eine Dorfschule untergebracht war, finden sich teils über 150 Jahre alte Gegenstände aus dem täglichen Leben unserer Vorfahren. Ausstellungen bietet der Heimatverein auch im Stadtturm mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer, im Künstlerhof Arnold und einem 1950er-Jahre-Museum.

Lebenswelten

Ein Besuch lohnt sich, denn das Heimatmuseum ist auch ein Erlebnismuseum. Im Inneren hat der Heimat- und Verkehrsverein mit sehr viel Detailverliebtheit die bürgerliche Lebenswelt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt. Darunter auch einige Exponate aus dem 19. Jahrhundert. Betritt man das Gebäude, lässt man das 21. Jahrhundert während der Verweildauer hinter sich. Der Eindruck festigt sich, wenn draußen dann noch die Glocke der fast 700 Jahre alten evangelischen Kirche in der direkten Nachbarschaft läutet.

Im Erdgeschoss des Museums finden sich etwa die Nachbildungen einer Textilwerkstatt mit handgefertigten Stoffen und eines Dorfladens mit zeitgemäßem Inventar. Glasvitrinen beherbergen allerlei Töpfereihandwerk, Geschirr und weitere Haushaltsgegenstände. Besonders kurios kommt da eine sehr spezielle Tasse daher. Sie ist nämlich mit einem Schutz für Oberlippenbärte ausgestattet, damit diese nicht mit Kaffee oder Tee getränkt werden. Das schien ein echtes Problem für den modebewussten Schnurrbartträger von Welt zu sein. Überrascht werden die Besucher des Museums dann noch von einer Gruppe lebensgroßer Kleiderpuppen. Sie starren den Gast an, während sie in einem separaten Wohnzimmer zeitgenössische Mode präsentieren. Auffällig ist immer wieder, wie gut erhalten die Ausstellungsstücke hier sind.

Wenn man die steile, schmale Treppe nach oben geht, warten dort Schlaf- und Wohnräume. Die wirken beinahe so, als würden ihre einstigen Bewohner hier noch heute Leben. Vor einem Ehebett mit Vorhang kann man sich fast schon vorstellen, wie hier einst eine wütende Ehefrau ihrem betrunkenen Ehemann eine sogenannte Gardinenpredigt gehalten hat. Auch eine alte Schulbank regt die Vorstellungskraft an: Hier müssen einst Kinder unter den strengen Augen ihres Lehrers Lesen und Schreiben gelernt haben. Mit was Kinder ihre Freizeit verbracht haben, wird dann noch auf dem Dachboden dargestellt.

Doch das sind nur einige Eindrücke aus dem Museum. Bei dem Besuch sollte es um etwas anderes gehen. Brunhilde Trenz, Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins, konnte nämlich mit ihrem Museumsteam der umfangreichen Sammlung ein paar besondere Stücke hinzufügen: Reklamemarken von »Kaffee Hag« aus dem Jahr 1925. Das Unternehmen wurde 1906 von Ludwig Roselius in Bremen gegründet.

Sammelalbum

»Es ist uns gelungen, ein Sammelalbum zu bekommen, in dem alle Marken von 1925 vorhanden sind«, freute sich Trenz. Die Sammelmarken waren einst Teil einer umfangreichen PR-Arbeit für »Kaffee Hag«. Die scheint gefruchtet zu haben, da man die Marke - sogar heute noch - nach wie vor mit entkoffeinierten Kaffee in Verbindung bringt. »Das ist ähnlich wie mit ›Tempo‹, wenn wir eigentlich ein Papiertaschentuch meinen«, erläuterte Trenz.

Zuletzt führte der Konzern »Jacobs Douwe Egberts« die Marke, allerdings beendete er die Produktion von koffeinfreiem Kaffee ab 2016. Im Sammelalbum aus den 1920er Jahren werden auch die Wappen der Provinz Oberhessen abgebildet. Die Zeichnungen stammen aus der Feder des Heraldikers Otto Hupp. Auch »Allendorf an der Lumda« ist hier vertreten.

Gerade deshalb war es dem Heimatverein ein großes Anliegen, dieses Album ins Archiv aufzunehmen. In Frakturschrift findet sich hier auch eine zeitgenössische Beschreibung des Wappens: »In Blau mit schwarzem Bord ein golden gekrönter, bewehrter, sieben Mal von Silber und Rot geteilter Löwe.« 1277 Einwohner sollen außerdem 1925 in Allendorf gezählt worden sein, geht aus der Beschreibung der Allendorf-Sammelmarke hervor. Das sind mehr als drei Mal so viele Allendorfer wie heute.

Doch nicht nur das Sammelalbum mit Reklamemarken konnte der Heimatverein vom langjährigen »Kaffee Hag«-Betriebsratsvorsitzenden Manfred Siebert aus Bremen ergattern, auch eine Kaffeetasse und -dose sind nun Teil des Allendorfer Museums. Die sollen in der Zeit von 1933 bis 1945 produziert worden sein. »All diese Objekte gehörten zum Alltag unserer Vorfahren in Allendorf«, so Trenz. Grund genug also, dass sie nun auch zu einem Teil des Dorfladens im Heimatmuseums geworden sind.

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