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Fräulein Merkels Schulordnung

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In einem Notizbuch hat die Handarbeitslehrerin Elisabeth Merkel sowohl Schulordnung als Lehrplan penibel aufgeschrieben. Foto/Repro: Bianca Werther © Red

Häkeln, Stricken, Strümpfe stopfen: Noch im vergangenen Jahrhundert gab es in Allendorf eine Handarbeitsschule

Allendorf (red/dge). Häkeln, Stricken, Strümpfe stopfen - noch vor wenigen Jahrzehnten waren diese Dinge Bestandteile des Schulunterrichts. Während die Jungen sich an der Werkbank vergnügen durften, trugen die Mädchen ihren Kampf mit Stricknadel, Wollknäuel und Co. aus.

Auch in Allendorf war man um die handarbeitlichen Fähigkeiten zukünftiger Hausfrauen sehr bemüht. Über eine Handarbeitsschule kann man sogar im Heimatmuseum nachlesen: »Im Jahre 1875 wurde Friederike Löwenstein, Ehefrau von Ludwig Löwenstein, als Handarbeitslehrerin angestellt. Sie erhielt eine Vergütung von 150 Mark im Jahr, davon musste sie allerdings noch die Heizung für die Schulstube bestreiten.«

Der Schulvorstand hatte sich von Frau Löwenstein beeindruckt gezeigt, da diese »sich von früher Jugend an ausschließlich mit weiblichen Handarbeiten namentlich Nähen, Stricken pp. beschäftigt und ist heute noch ihr einziger Beruf.« Auch sei die Dame eine «wohlerzogene Person.«

Die Handarbeitsschulen wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts stark gefördert, doch hielten sie sich an manchen Orten nicht lange. Wurden die heranwachsenden Mädchen doch zumeist bei der Feldarbeit in der elterlichen Landwirtschaft gebraucht.

Anders in Allendorf: Hier blieb sie lange Zeit bestehen. Um 1920 sprach man fortan von der Fortbildungsschule, die sich genau wie die bereits bestehenden Knabenfortbildungsschulen auf drei schulentlassene Jahrgänge erstreckte. Der Staat trug fortan alle persönlichen Kosten. Der Unterricht erstreckte sich bei den Mädchen auf Handarbeit, Hauswirtschaft und Kochen, das Angebot war also erweitert worden. Eine der Lehrerinnen war Elisabeth Merkel, sie unterrichtete Handarbeit. Die Allendorferin wohnte in der Treiser Straße, war unverheiratet und ging folglich als »Fräulein Merkel« in die Annalen ein. Eine ihrer ehemaligen Schülerinnen, Leni Michel (geb. Scheld) kann sich noch an ihren Handarbeitsunterricht bei Fräulein Merkel gut erinnern. Sehr streng sei die Lehrerin gewesen, man habe bei ihr jedoch auch viel gelernt hat. Ziemlich am Anfang habe Fräulein Merkel ihr gezeigt wie ein Muster aus Papier ausgeschnitten werden sollte. Anschließend sollten es die Schülerinnen auch ausschneiden. Sie habe gleich mitgemacht und auch ausgeschnitten. Für dieses - aus Sicht der Lehrerin voreiligem - Verhalten setzte es eine Ohrfeige.

Eine Schulordnung und einen Lehrplan hat Elisabeth Merkel in einem Heft niedergeschrieben. Zucht und Ordnung waren gefragt, drakonische Bestrafungen wohl an der Tagesordnung.

Die Regeln waren streng und von Fräulein Merkel klar definiert. Ein Beispiel: » Beim Eintritt der Lehrerin in das Schulzimmer stellen sich alle Schülerinnen als Zeichen des Grußes und bleiben so lange stehen, bis sie zum Sitzen befohlen werden.«

Auch auf das Erscheinungsbild legte sie Wert: »Die Haare müssen gekämmt, Gesicht und Hände gewaschen, die Kleider rein und ganz sein. Wenn nicht, so werden die Schmutzigen nach Hause geschickt, um sich in Ordnung zu bringen und wieder zu kommen.« Höflichkeit war ebenso geboten. So schreibt Fräulein Merkel: » Die Schülerinnen haben die Lehrerin um alles zu bitten und dann höflich zu danken. Die Schülerinnen sollen freundlich, liebreich und verträglich unter einander sein. Angeberei ist streng zu untersagen.«

Den strengen Maßstab legte Fräulein Merkel auch sich selbst an. In ihren »Anforderungen an die Lehrerin« notierte sie unter anderem, dass dies auch »die Fähigkeit sich richtig, klar und gewandt mündlich und schriftlich auszudrücken« haben sollte. In Bezug auf ihre Persönlichkeit solle eine Lehrerin über »die Fähigkeit sich der verschiedenen Lehrformen zu bedienen« verfügen. »Sinn für Ordnung und Reinlichkeit und Achtsamkeit auch auf das Kleinste«, schienen für Fräulein Merkel selbstverständlich und so ging die konsequente Dame sozusagen mit gutem Beispiel voran.

Das Heft mit den handschriftlichen Aufzeichnungen von Elisabeth Merkel hat Erich Conrad dem Allendorfer Heimat- und Verkehrsverein zur Verfügung gestellt.

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gikrei_2701_dge_Allendor_4c_1 © Red

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