1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Allendorf

Künftig Bienen statt Schäfchen

Erstellt:

gikrei_2707_dge_Pfarrer__4c_1
Pfarrer Stefan Schröder vor dem Portal der Allendorfer Kirche, bei der er auch einige Bauprojekte begleitet hat. Foto: Wisker © Wisker

Allendorf . Nur noch wenige Wochen trennen Stefan Schröder, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Allendorf/Lda., vom Ruhestand. Am 14. August wird der 62-Jährige offiziell mit einem feierlichen Gottesdienst verabschiedet.

Seit 1. September 1996 hat er in dem Lumdastädtchen gewirkt. 26 Jahre, in denen so einiges passiert ist. Gemütlich unter den schattigen Bäumen des Kirchengeländes sitzend werfen den Blick noch ein bisschen zurück: Schon von Kindesbeinen an der Orgelmusik verbunden, habe er erwogen, vielleicht Orgelbauer zu werden. Oder Physiker - auch das konnte er sich vorstellen. Indes: Schröder fand im Pfarrerberuf seine Berufung. Nach dem Vikariat in Münzenberg wurde er Pfarrer in Schuppach bei Limburg und dann in Hattert im Westerwald. »Ach ja, meine erste Arbeitsstelle überhaupt hatte ich als Organist im Gefängnis Eberstadt bei Darmstadt. Das war noch vor dem Studium«, schmunzelt er.

Gestaltungsfreiheit

Der Beruf als Pfarrer, so erzählt er weiter, biete sehr Gestaltungsfreiheit. Ein weiterer, ganz wichtiger Aspekt sei die Begegnung mit Menschen. Allendorf habe er übrigens schon gekannt, bevor er die Pfarrstelle hier angetreten sei. Hier war er schon mal, als sein Freund Michael Solle, der frühere Londorfer Pfarrer, geheiratet habe. Als die Stelle in Allendorf vakant geworden sei, sei ihm das sofort ins Auge gesprungen.

Es klappte mit der Stelle. 1996 zog Schröder mit Ehefrau Freya und drei Kindern ins Pfarrhaus ein. »Wir sind mit viel Wohlwollen und Unterstützung aufgenommen worden. Und - mit drei Kindern kein Wunder - es kam wieder Lebens ins Pfarrhaus.« Dennoch: Der Beruf hielt quasi mit Einzug, so entschloss sich die Familie, in Allendorf zu bauen und zog 2003 quasi um die Ecke.

Das altehrwürdige Pfarrhaus blieb nicht leer. Die Wohnung oben wurde vermietet, das Untergeschoss nutzt die Kirchengemeinde. 2009 wurde das Gebäude energetisch saniert, 2016 folgte das auf dem gleichen Grundstück liegende Gemeindehaus. Im Dachgeschoss sollte ein Jugendraum entstehen. »Wir haben einen Pool da oben aufgebaut und mit Wasser gefüllt, um zu sehen, ob das Tragwerk hält«, beschreibt Schröder die etwas unkonventionelle Vorgehensweise. Das Tragwerk hielt, der Jugendraum entstand.

»In den ersten zehn Jahren haben wir fast nur gebaut« - auch Orgel und Kirche brauchten Zuwendung. Er und seine Familie seien quasi mit der Orgel eingezogen. Das Musikinstrument beziehungsweise das Orgelwerk war zu diesem Zeitpunkt gerade komplett erneuert worden. »Seither gibt es jedes Jahr, immer im September, den Orgelgeburtstag. Der wird mit einem Konzert gefeiert.« Der Innenraum der Kirche wurde 2001 renoviert - um kurz darauf, 2004, festzustellen, dass sich der Hausschwamm eingenistet hatte. Die Kirche konnte erst einmal nicht genutzt werden. »Weihnachten haben wir Gottesdienst im Bürgerhaus gefeiert. Ein bisschen wie Maria und Josef, die ja auch eine Bleibe suchten«, nimmt es Schröder im Nachhinein mit Humor. Im Zuge der Entfernung des Hausschwamms sei man auf Skelette gestoßen, die hätten Archäologen dann geborgen. »Diese Menschen müssen vor 1300 begraben worden sein. Da war der Friedhof noch auf dem heutigen Kirchengelände.« Schröder machte diese Zahl am Kirchturm fest, das älteste Bauwerk Allendorfs sei etwa um 1330 oder 1340 errichtet worden. Kurze Zeit später richtete man das Augenmerk auf den Kirchturm. Der brauchte ein neues Dach.

Pilgerwanderungen

Doch es waren nicht nur die Bauarbeiten, die für Stefan Schröder die Jahre in Allendorf geprägt haben. Es waren vor allem die Menschen hier. Und es gab jede Menge Aktivitäten, die er ins Leben gerufen hat, unter anderem Pilgerwanderungen, generationenübergreifende Veranstaltungen, Kinderkirche, Freizeiten für Senioren und auch für die Konfirmanden, Reisen nach Rom und Israel, Abende der Begegnung, die Lichtkirchen-Gottesdienste, Flüchtlingshilfe, Tafel - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Eines lag ihm besonders am Herzen: Schröder wollte die Erinnerung an die einstigen jüdischen Mitbürger wachhalten. »60 jüdische Einwohner hatte Allendorf 1933. Zweidrittel sind umgekommen, ein Drittel ist ausgewandert«, weiß er.

Für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus hat er einen Gedenkstein in der Kirche anbringen lassen. »Der Stein kommt aus Jerusalem, der Künstler Alf Becker hat ihn dann gestaltet.« Auch für die Vertriebenen, die 1946 ihre Heimat Herzogwald verlassen mussten und in Allendorf eine neue Heimat fanden, gibt es einen Gedenkstein. Dieser Stein kommt aus Herzogwald. Für die Stelen, die heute auf dem Rosenplatz stehen, wurde seinerzeit ein Arbeitskreis gebildet. Kirche, Bürger und Kommune haben hier laut Schröder zusammengearbeitet. Da am Rosenplatz mal die Rosenbaums gewohnt hätten, habe man sich auf diesen Standort geeinigt. Als vor elf, zwölf Jahren Neonazis in Allendorf auftraten, sei es schön gewesen, dass die Allendorfer eine »klare Haltung dagegen« gezeigt hätten. Der Kirchenvorstand habe in all den Jahren seine Ideen immer mit Wohlwollen aufgenommen. »Nur wenn es zu abwegig war, haben wir die Finger davon gelassen.« Eine der Ideen, die sofort aufgegriffen wurde, seien die Blühwiesen rund um die Kirche gewesen. »Das Tolle ist, dass wir im Kirchenvorstand Leute haben, die gleich auch praktisch mithelfen.« Das sei auch bei der Außenbeleuchtung so gewesen. Eine Kirche, die nachts angestrahlt wird - ein Gedanke, der Schröder fasziniert hatte. Auch das wurde umgesetzt. »Das ist schon ein sehr zupackendes Team hier«, lobt er.

Zu der Herausforderung, die Corona darstellte, meint er, eine »Krise ist auch eine Chance. Wir haben draußen Gottesdienste gefeiert und die waren sehr gut besucht.« Auch auf YouTube wurden Gottesdienste eingestellt. »Das mussten wir erst mal lernen.«

»Bürgerkirche«

Drinnen, in der kühlen Kirche, schaut Schröder sich um. Als hier renoviert wurde, waren die Bänke ausgebaut. Das gefiel ihm. »Eine Kirche, die offen ist, offen für die Menschen. Nicht nur einmal die Woche zum Gottesdienst. Wo man sich auch mal im Kreis hinsetzen oder zum Beispiel gemeinsam essen kann. Wäre das nicht schön?«, sinniert er über seine Vorstellung einer Art »Bürgerkirche« nach.

Der Beruf - seine Berufung - lässt ihn nicht los. Was also macht dann ein Pfarrer im Ruhestand? Schröder lächelt: »Ich werde mich meinem Hobby, der Imkerei, stärker widmen. Und der Musik. Beides macht mir viel Freude.« Es sei ihm immer ein Anliegen gewesen, dass junge Menschen auch die Natur, die Schöpfung erfahren. Gerade bei der Haltung von Bienenvölkern könne man viel lernen. Immerhin brauche es für 500 Gramm Honig 44 000 Kilometer Flugstrecke. Eine enorme Leistung der kleinen Insekten, die Stefan Schröder mit einem alten Sprichwort zusammenfasst: »Willst du Gottes Wunder sehen, musst du zu den Bienen gehen.«

Die offizielle Verabschiedung von Pfarrer Stefan Schröder findet am Sonntag, 14. August, ab 14 Uhr in einem Gottesdienst mit Probst Matthias Schmidt in der Allendorfer Kirche statt.

Auch interessant