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1992 kam Zaug ins Spiel

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Blutegelpärchen in der Blutegelfarm in Biebertal beim Liebesspiel. © Moos

Biebertal (moo). Mitte der siebziger Jahre, viele werden sich an den autofreien Sonntag erinnern, gab es die sogenannte Ölkrise, Ausdruck einer ins Wanken geratenen Weltwirtschaft, von deren Auswirkungen auch Biebertal nicht verschont blieb. Nachzulesen im Buch: Rodheim im Biebertal.

Der Ölpreis nahm vorübergehend astronomische Dimensionen an.

Für den Biebertaler Gartenbaubetrieb »Wollnich« bedeutete das, dass das energieintensive Heranziehen von Blumen, Wasserpflanzen und anderen Gewächsen zu kostspielig wurde. Neue Geschäftsideen wurden gefragt.

Da traf es sich, dass Wollnich junior sich an eine eindrucksvolle Erfahrung in der Rheumaklinik Bad Endbach erinnerte. Seine quälenden Schmerzen im Rücken und Nackenbereich verschwanden, nachdem ihm am Ort der Schmerzen Blutegel angesetzt wurden. Durch den Direktor der Klinik Dr. med. Ulrich Storck erfuhr Willnich, dass die Versorgung mit medizinischen Blutegeln eine Marktlücke darstellte. Ein Gespräch mit dem Vater des Schmerzgeplagten, eine geborene Tüftlernatur, führte zu der spannenden Geschäftsidee in den Gewächshäusern in der Aue zwischen Bieberbach und Mühlbach Blutegel mit dem lateinischen Namen Hirudo medicinalis zu züchten.

Für das Fachwissen war der ortansässige Biologe Norbert Gierke zuständig. Er beriet beim Teichbau nach dem Vorbild alter Züchter aus dem 19. Jahrhundert. Durch den Sonnenkollektoreffekt der Gewächshäuser entstand eine ideale Temperatur für die Züchtung von Blutegeln.

Die ersten Blutegel der neuen Anlage kamen aus der Türkei. Leider aber zeigte sich, dass die Zucht mehr Tücken hatte als erhofft, da der Handel mit eingeführten Egeln,die wirtschaftlichere Variante darstellte, und man die kostengünstigeren Importregel vorzog.

An dieser Stelle kam die Zaug gGmbH eine kreis- und stadteigene Beschäftigungsgesellschaft ins Spiel, deren Aufgabe es ist, Menschen ohne Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt für befristete Zeit Arbeit und Brot zu geben. Bei Zaug war Manfred Roth, er studierte Biologie und Zoologie, beschäftigt, der oft bei seinen Spaziergängen an der ehemaligen Gärtnerei vorbei kam. Irgendwann kam es dann zu einem Besuch der Gärtnerei und zu einem Gespräch mit dem alten Herrn Wollnich, der ihn durch die Anlage führte, es wurde ein Verkauf an ZAUG vereinbart und als zweiten Schritt die Übernahme der Blutegelzucht. 1992 ging die Gärtnerei Wollnich gänzlich in den Besitz von Zaug über. Die Pilzzucht wurde ausgelagert und von der Bio Pilzzucht Löcke in Dillenburg übernommen. Es gelang, einige Biologen in befristeten Arbeitsverhältnissen in das Projekt einzubinden. Es entstand die neue Firma durch die Homepage www.blutegel.de erkennbar. Aus fünf Blutegelteichen wurden 40.

Die gute Entwicklung führte schon 2007 zum Verkauf von 270 000 verkauften Egeln. Der Erfolg blieb den Behörden nicht verborgen. Zwar wurde der »Biebertaler Blutegelzucht« im Jahre 2005 nach vielen Diskussionen und Ausarbeitungen für die zehn Jahre zuvor eine offizielle Herstellungserlaubnis vom Regierungspräsidium erteilt.

Dies musste aber durch Anmeldung zur arzneimittelrechtlichen Zulassung im September 2008 ergänzt werden, womit erstmals ein lebendes Tier als Arzneimittel zugelassen wurde. Dies geschah mit der inzwischen aus der Zaug gGmbH herausgelösten, privatisierten Firma BBEZ GmbH (Biebertaler Blutegelzucht GmbH). Ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen mit 40 festen Arbeitsplätzen.

Der jährliche Absatz stieg von 5000 Egeln auf 500 000 in viele Praxen und Kliniken.

Anwender erhalten durch Kurse tragfähiges Wissen um die Behandlung mit Blutegeln korrekt durchzuführen.

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